Reporter wollte er werden. Schöne Fotos von weiten Reisen mitbringen und sie im ZEITmagazin veröffentlichen. So hat sich das der Abiturient Thomas Ruff gedacht. Nur, wie lernt man den Beruf? Eine Fotolehre in Zell am Harmersbach, im Heimatort am Westrand des Schwarzwalds? Den Kandidaten zog es an die Kunstakademie. Arglos schloss er von der Kompetenz für schöne Bilder auf eine ebensolche Kompetenz für schöne Fotos. In Düsseldorf kam er an. Bei Bernd und Hilla Becher. Und dann war es auch schon aus mit den schönen Fotos. Und angesichts der schwarz-weiß grundierten Sammlergeduld, mit der die Lehrer das Ruhrgebiet nach Wasserreservoirs und Gasbehältern absuchten, war rasch klar, dass hier in Sachen Reportage nicht viel zu lernen wäre. Heute gehört Thomas Ruff zu den bekanntesten Fotokünstlern seiner Generation, mit ungefährdetem Spitzenplatz auf dem Markt, wo seine Arbeiten wie hochpreisige Malerei gehandelt werden. Und wenn man an die spektakulären Bildauftritte denkt, an die technische Brillanz, mit der der Künstler das Medium ins Galerie-Format gehoben hat, dann liegt die Zeit der schönen Fotos von weiten Reisen schon lange zurück.

Dabei hat Ruff seinen Lehrern sicherlich manches zu danken. Die starre, allemal konzentrierte Blicksteuerung stammt unverkennbar aus der Düsseldorfer Schule. Aber gegen Geist und Stil dort war er von Anfang an immun. Unverführbar für die strenge Kleinmeisterlichkeit, mit der die Bechersche Industrieromantik das Denkmal fast mutwillig an die Kartei überstellt hat. Thomas Ruff sah sich lieber bei sich zu Hause um, im Heimatort am Westrand des Schwarzwalds, im Elternhaus, bei Tanten und Onkeln, wo die Nachkriegsmoderne nierenförmige und tütenlampige Designspuren hinterlassen hatte, die in den frühen achtziger Jahren anmuteten, als sei das Leben gerade dabei, sich ins Museum zu verabschieden.

Solche Übergänge mag Ruff sehr. Nie ist Fotografieren bei ihm nur eine Weise des Dokumentierens, nie bloß Augenblicksbewahrung. Immer ist in der kühlen Anlage der Bilder ein heißer Kern des Staunens verborgen, dass die Dinge so sind, wie sie gerade erscheinen. Eine Abständigkeit, die auch die Scharfeinstellung nicht vollends überwindet. Schon immer haben Ruffs Serien ein eigentümliches Nichtwissen bekannt, das die Erkenntnissicherheit, mit der das Medium seine Triumphe feiert, auffällig unterläuft.

Nachdenklich, nach Worten suchend, gesprächsbereit, zugänglich – ein Künstler, der so gar nicht ins malerfürstlich geprägte Berufsbild passt. Es geht sehr aufgeräumt zu in der großen Atelierhalle, in der Thomas Ruff am Stadtrand von Düsseldorf arbeitet. Eine Art Bilderfabrik, wo von der Vorbereitung am Computer bis zur Lagerung der teils riesenhaften Fotobilder alles unter einem Dach geschieht. Assistenten beschäftigt Ruff nur bei Bedarf. Und wenn man die Klingel gefunden hat neben dem grünen Rolltor, dann kommt er selber und schließt auf und schaut freundlich zu, wie der Gast vor den neuen Bildern stehen bleibt und sich verheddert in den feinen, feinfarbigen Linien, die über die riesigen Bildflächen kurven.

Der Zyklus der Zycles beschäftigt den Künstler seit etwas über einem Jahr. Man könnte angesichts der undurchsichtigen Liniengespinste an Isometrien hochkomplexer Körper denken oder an die Kraftfelder des Magnetismus. Vielleicht sieht es auch so aus, wenn man Staub unters Mikroskop legt. Sind es abstrakte Bilder? Abstrakt hieße, dass hinter der Abstraktion noch Gegenstände zu vermuten wären. Aber solche Gegenstände gibt es nicht. Vergebens sucht man sie in der zeichenlosen Leere der Rechenoperation. Es ist nur eine Mausbewegung, die die kreisenden Linien aufrichtet oder sie sanft neigt und jedes Mal ein anderes gegenständlich ungegenständliches Bild entstehen lässt.