Mein Mann war mit Golo Mann in der Klasse", sagt die zittrige alte Dame, "vielleicht glauben Sie mir’s ja nicht, aber wissen Sie, er war 17 Jahre älter als ich." An der Kasse hört man freundlich und nicht sehr überrascht zu: Dass Besucher, die nach Salem kommen, vor allem an das Internat denken, ist man hier gewohnt. Dabei ist die Kloster- und Schlossanlage in Südbaden so viel mehr: eine komplette kleine Welt, in der Schüler leben und Lehrer, Adlige und Handwerker, knapp 500 Menschen. Als hätte sich 900 Jahre nach seiner Gründung noch etwas von dem erhalten, was ein Kloster im Mittelalter war: eine Wirtschafts- und Lebensgemeinschaft, vielfältig, unabhängig, ein lebendiger Organismus.

Die Anfahrt hatte durch Dörfer geführt und durch die Hügellandschaft des Linzgaus. Dann tauchte Salem vor einem auf, das enorme Konventsgebäude, edel und unpompös. Von gewaltiger Dimension – wie viele Höfe werden hinter den Mauern liegen? Wie viele Zimmer? –, die aber nichts Erschlagendes hat. Eine Anlage im Einklang mit der Natur, die immer geliefert hat, was man hier zum Leben brauchte: Gemüse, Obst, Getreide, Wein, Holz, Schutz – Frieden. Salem, "Frieden", wurde das Kloster bald nach seiner Gründung 1134 genannt. Es beherbergte schon im Mittelalter 300 Mönche und entwickelte eine ausgreifende, blühende Landwirtschaft. Salem, dieser seit fast einem Jahrtausend belebte und bewirtschaftete Ort, strahlt etwas aus wie: Ich war schon immer da.

Der Schlosshof ist eine große Piazza. Zwei Schüler rufen sich zwischen Fenster und Hof etwas zu. Japanisch? Eine Maschine aus der Werkstatt des Kunstschmieds übertönt die Stimmen. Vereinzelt sind Touristen unterwegs; sie schauen dem Glasbläser bei der Arbeit zu, der, wie etliche andere Angestellte in Salem, hier auch lebt. Weiter unten, dort, wo der historische Marstall zu besichtigen ist, befindet sich die Schusterwerkstatt mit ihrem Angebot an edlen englischen Schuhen. Schon sein Großvater sei Schuhmacher im Dorf gewesen, erzählt Peter Böhne. Er arbeitet seit 15 Jahren hier. "Sieben Tage die Woche – aber das ist eben der Preis für einen so schönen Arbeitsplatz."

Mittendrin das gotische Münster, Herzstück der Anlage und einziges verbliebenes Stück Mittelalter. Ein Brand hatte 1697 das Kloster zerstört. Seit die Mönche danach neu bauten, barock, klassizistisch, hat sich Salems Gesicht nicht mehr viel verändert. Grau, dreischiffig, mit gotischen Fenstern und rotem Satteldach, erzählt das Münster von anderer Zeit. Niemand kennt es so intim wie August Lohr.

"Ich zeige Ihnen, bis wohin der Brand ging", sagt der 74-Jährige und lächelt mit Blick auf den enormen Schlüssel, der jetzt die Sakristei öffnet. "Den hat nicht einmal die Verwaltung!" Das Recht auf ihn hat er sich während 49 Jahren Arbeit als Messner erworben, "in Personalunion mit meiner Frau"! 49 Jahre lang jeden Morgen aufschließen, jeden Abend abschließen. August Lohrs Verbundenheit mit der Kirche reicht tief. "Meine Köpfe", sagt er und zeigt auf die geschnitzten Engelsköpfe auf jedem Platz im Chorgestühl. "Die reden miteinander! Alle Ausdrücke, die ein Mensch haben kann, sehen Sie hier!" Hier haben sich Barockmeister wie Feuchtmeyer oder Dirr verewigt. Köpfchen, einander zugeneigt, ärgerlich, lächelnd, nachdenklich oder schlichtweg verschlafen – so mögen auch die Mönche ausgesehen haben, die morgens um drei hier beteten.

Von anderer Art war die Einfühlung des Abtes Anselm im 18. Jahrhundert: Er, der strengste aller Salemer Klosteroberen, hat den Durchblick seiner Mönche zur "Leutekirche" durch einen Altar blockiert, damit sie nicht "die Weibsleut" anschauten. Auf Anselm gehen auch die alabasternen Stuckverzierungen in der Kirche zurück – zur Ehre Gottes konnte nichts prächtig, für die irdischen Diener nichts karg genug sein. Gegenüber seinem Abtsessel hatte Anselm eine Tafel anbringen lassen, gehalten von einem Sensenmann. Darauf standen die Namen seiner Vorgänger – und ihre Sterbejahre.

Nach der beinernen Kälte der Kirche tut es gut, sich auf eine der von Kastanien beschatteten Bänke zu setzen. Gegenüber im Oberen Langbau ist der Eingang zum Weinverkauf. Hier, wo schon vor Hunderten von Jahren Trauben angeliefert wurden, nippen nun Besucher am Müller-Thurgau und Spätburgunder vom zweitgrößten privaten Winzer Deutschlands – Marke: Markgraf von Baden. Die Sonne bescheint auch einen Schwarm junger Schülerinnen in Turnkleidung, die sich beim Wettlauf um den Brunnen aufgeregt schreiend einen Staffelstab weiterreichen. Sind die immer so brav?