Er kommt, er kommt, er kommt!" Die Fotografen rennen, Kamera an, Ellenbogen raus, alles drängt, alles schiebt, der Ministerpräsident entsteigt seinem Dienstwagen. BMW-Unter- und -Oberchefs drücken an seine Seite, jeder will noch mal, jeder hat noch was zu sagen. Horst Seehofer besucht das BMW-Leichtmotorenwerk in Landshut. Sie haben eine Bühne für ihn geschaffen, dort soll er einen Leichtzylindermotor gießen, wundersame Welt der PR-Termine. Das Ganze hat etwas von Knoff-Hoff-Show, keiner weiß so recht, worum es geht, aber alle sind mächtig aufgeregt. Selbst der BMW-Mann schreitet die Bühne ab, als befände er sich im Varieté. Das Mikro hält er zwischen spitzen Fingern, das sieht doch nicht aus, warum sagt ihm das denn keiner?

Horst Seehofer, 59 Jahre alt, ist zwischen all dem Rummel: aufreizend ruhig. Eigentlich wirkt er wie der einzig normale Mensch hier. Alle scheinen von grundloser Nervosität erfasst, nur er bleibt gelassen. Man könnte es das Königssyndrom nennen: Wo sich alle auf ihn beziehen, wirkt nur er natürlich. Könige und Kalifen gibt es viele, selten aber füllt einer die Rolle wie Seehofer aus. Der gemessene Schritt, die langsam daherrollenden Sätze, die spartanische Mimik. Minimaler Aufwand, maximaler Effekt.

"Die Landtagswahl war wie ein Blitzeinschlag. Überall brannte es"

Auch Seehofer scheint nicht wirklich zu wissen, was er auf der Bühne soll. Doch er genießt den Moment. Die Stäbe, die man ihm reicht, greift er wie ein Matador, der sich daranmacht, seinem Stier den Todesstoß zu versetzen. In einem Moment scheint es, als gehe er in der Rolle des Staatsmanns auf, im nächsten, als könne er jederzeit aus ihr ausbrechen. Als sei alles ein Spiel. Manchmal gibt Seehofer den König und den Hofnarren zugleich, was nicht dumm ist, denn es nimmt den Spöttern, welche die Macht stets begleiten, die Angriffsfläche. Bisweilen ist er Fürst und Wilderer in Personalunion, eine außerhalb Bayerns ziemlich undenkbare Kombination. Es umgibt ihn etwas Ambivalentes, Flirrendes. Als schaue man in ein Zerrbild, das sich jede Sekunde verändert. Ist er jetzt der oder schon ein ganz anderer?

Der frisch geföhnte BMW-Mann schmeichelt: "Das haben Sie toll gemacht, Sie könnten gleich bei uns anfangen." Seehofer sagt, was er in solchen Momenten immer sagt: "Vielleicht brauch ichs ja noch mal." Und wie jedes Mal, wenn er mit einem möglichen Sturz kokettiert (er wird es an diesem Tag noch unzählige Male tun), lacht er, als sei ihm der Witz eben erst eingefallen. Passiert eh nicht, sagt das Lachen. Denn wenn es eine Seehofer-Botschaft gäbe, dann wäre sie: "Uns kann keiner was."

Die Vorgeschichte sieht ein bisschen anders aus. Landtagswahl 2008: Die CSU stürzt ab, sie verliert zum ersten Mal seit 46 Jahren die absolute Mehrheit, kommt auf 43,4 Prozent und muss seither mit der FDP regieren. "Das war", sagt Seehofer, "wie ein Blitzeinschlag. Überall brannte es." Der Fall hatte sich schon lange abgezeichnet, es hatte nur keiner wirklich gemerkt. Edmund Stoiber, der sich in seinen letzten Regierungsjahren einigelte wie ein alternder Monarch. Den Kontakt zum Volk hatte er längst verloren und merkte gar nicht, wie sehr er es mit seiner Reformwut vergraulte. Stoibers Sturz in Wildbad Kreuth, danach die Monate, in denen das Innenleben der Partei medial ausgebreitet wurde, Stolz, Intrigen, Machtkämpfe und obendrein Seehofers Geliebte in der Bunten, das gemeinsame Baby im Arm. Dann das glücklose Duo Günther Beckstein und Erwin Huber: Nach der Landtagswahl traten sie zurück, Seehofer übernahm den Parteivorsitz und das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten – nicht zuletzt dank der freundlichen Unterstützung Stoibers, der Beckstein und Huber seine Entmachtung heimzahlen wollte.

Die CSU, die Unantastbare, ist verletzlich geworden. Zum ersten Mal seit vielen Jahren muss sie kämpfen. Dafür, dass sie bei der Bundestagswahl nicht noch mehr verliert – und vom bundespolitischen Leitwolf zum regionalen Kläffer wird. Dafür, dass sie bei der Europawahl den Sprung ins Europäische Parlament schafft. Fünf Prozent muss die Partei, die nur in Bayern antritt, bundesweit erreichen.

Seehofer muss sich also ins Zeug legen an diesem Freitag, an dem er Niederbayern bereist.

Gut Riedelsbach, ein idyllischer Flecken im Bayerischen Wald. Deutschlands erstes Bier-Wohlfühlhotel mit Biersauna. Der Hotelbesitzer nimmt es mit der Individualität erkennbar ernst, er trägt Kutte und Rauschebart zu zwei unterschiedlichen Fell-Clogs. Allerorten schreien Poster: "Mehrwertsteuer runter, sieben Prozent!", Menschen laufen mit "7 Prozent"-Ansteckern herum. Die Gaststätten- und Hotellobby hat sich versammelt, man sieht in grimmig entschlossene Gesichter. Gut möglich, dass sie bereit sind, jeden zu teeren und zu federn, der dem Gedanken einer ermäßigten Mehrwertsteuer für das Hotel- und Gaststättengewerbe nicht uneingeschränkt positiv gegenübersteht.

Seehofer legt los. Er gibt den Streiter für ihre Interessen in Berlin. Schließlich müssten gerade in Krisenzeiten Steuern gesenkt werden. Seehofer zitiert Franz Josef Strauß ("Eher legt ein Hund einen Wurstvorrat an, als dass die öffentliche Hand mit Geld umgehen kann") und sagt: "Ich würde mir wünschen, dass die Einstellung ›Gibts nicht, geht nicht‹ nicht so verbreitet wäre." Der Applaus ist enorm. Ein Erfolg? Keine Kunst, er hat ja jedem Zuhörer bares Geld versprochen.