"Er war ein Vagabund auf dem Ozean des Lebens." So treffend beschrieb ihn einer, der es wissen musste: ein Freund und späterer Biograf, der ihn noch persönlich gekannt und immerhin zehn Jahre durchs unstete Künstlerleben begleitet hatte. Doch erst dreißig Jahre nach seinem Tod setzte sich der Freund daran und verfasste die Biografie, die der Verstorbene von ihm erwartet hatte. Denn, so erinnerte er sich: "War ich spielfrei, ging ich in seine Vorstellung…, und oft blieben wir bis drei oder vier Uhr nachts beieinander. Bekannten stellte er mich manchmal gravitätisch vor: ›Das ist Herr G., mein Biograph.‹ … Erzählte er mir aus seinem Leben, fand er selbst, dass Abenteuerlust die große Triebkraft seines Lebens war."

Ein Weltenbummler also, getrieben von der Sehnsucht nach dem besonderen Moment, erfüllt von Neugier auf alles Menschliche. Fast alles, was er sah, inspirierte ihn. Er hatte eine Doppel-, ja Dreifachbegabung: das Schreiben, das Malen, das Darstellen. Und über allem lag seine Lust am Spiel mit den Facetten und Möglichkeiten von Sprache, lustig und traurig, kindlich und weise. Und ebenso spielte er mit Farbe, Form und fantasievollen Rollen, in die er auch im Alltag gerne schlüpfte: "Fremden gegenüber gab er sich manchmal als Jockey aus." So weit hergeholt schien das freilich nicht. Denn zum einen war er von zierlicher Statur, zum anderen hatte er viele Metiers tatsächlich ausgeübt: Er war Schiffsjunge, Matrose und – im Krieg – Kommandant eines Minensuchboots gewesen, dazu Bibliothekar, Archivar und angehender Gartenbauer.

Legendenumrankt aber blieb sein Intermezzo als Tabakhändler. "An origineller Werbung fehlte es nicht. Im Schaufenster wühlte neben Bildern und Stichen … ein menschliches Gerippe zwischen Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln herum", erinnert sich der Biograf. "Aber als die erste Sensation vorüber ist, geht der Tabakladen immer schlechter, sodass er bald verschenkt, was er an Vorräten hat, schließlich, nach einem Dreivierteljahr, die Tür offen stehen lässt und davonspaziert." Kleiner Mann, was nun? Die Frage stellte sich ihm oft – diesmal nicht. Denn zeitgleich begann seine künstlerische Hoch-Zeit. Er, der Unsesshafte, hatte nicht nur unverhofft einen Ankerplatz gefunden und seine große Liebe geheiratet. Parallel dazu kam auch der Erfolg. Seine Bücher – Gedichte, Prosa, Kinderbücher – verkauften sich, sein Tourneekalender war gefüllt, das Publikum mochte und bewunderte ihn.

Und dann war auch das vorbei. Zu seinem 50. Geburtstag ehrte man ihn mit einer öffentlichen Feier, kurz darauf erkrankte er zu Tode. Und als habe er geahnt, dass es zu Ende ging, hinterließ er seiner Frau ein wunderbar tröstliches Gedicht: "Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern / Meine Liebe wird mich überdauern / Und in fremden Kleidern dir begegnen / Und dich segnen."

Wer war's?

Frauke Döhring

Lösung aus Nr. 23:
Alexander Mitscherlichs (1908 bis 1982) Urgroßvater war Patensohn von Alexander von Humboldt, der Großvater war Chemiker und hatte mit einer Erfindung eine Fabrik gegründet, der Vater, ebenfalls Chemiker, sah ihn als zukünftigen Fabrikdirektor. Mitscherlich studierte in München jedoch zunächst Geschichte und erlag dem Charisma Ernst Jüngers. Während des Krieges studierte er bei Viktor von Weizsäcker Medizin. Er war Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt und Herausgeber der Zeitschrift "Psyche"