Manchmal streicht Xue mit den Fingern über die Einschusslöcher in der Außenwand ihres Hauses, kleine Wunden auf der weißen Haut der Wand. In dem Moment, da Xue sie berührt, ist jene Nacht wieder da. Die Schüsse, die Schreie, die Familie, die sich im Wohnzimmer zusammendrängt. Der Schreck, als Querschläger ihr Haus treffen. Es war die Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989, als Panzer zum Tiananmen-Platz fuhren, den Studenten seit Wochen besetzt hielten – vorbei an Xues Haus in der Changan-Straße. Die Nacht, in der die Staatsmacht das Feuer aufs eigene Volk eröffnen ließ. Ein Video ging um die Welt: Ein Student stellt sich einem Panzer entgegen, der Panzer weicht aus, der Student stellt sich ihm erneut in den Weg, ein absurder, todtrauriger Tanz.

Xue brachte den protestierenden Studenten Wasser und Essen auf den Platz, sie war 13 Jahre alt, zu jung, um wirklich mitzumachen, zu alt, um jemals vergessen zu können. Manchmal spricht sie mit Freunden über die Hoffnungen von damals, über den Traum von einem freieren China und jene Nacht, die ihn zerstörte. Sie nennen sie nur zhe ge shijing, "diese Sache"; mehr könnte Ärger bringen. Sie reden nicht oft darüber, die Erinnerung tut weh, und manchmal kommt es ihr vor, als löse sie sich einfach auf. Denn fast niemand spricht darüber. Viele Junge wissen nicht mehr, was damals geschehen ist. Nichts erinnert an den 4. Juni, keine Plakate, kein Bild, kein Gedenktag. Manchmal kommt es Xue vor, als sei nichts davon geblieben außer ein paar Löchern in ihrer Wand.

Und tatsächlich: Wer in China 6/4 (also den 4. Juni) in eine Suchmaschine eingibt, findet nichts. Als habe es jene Nacht nie gegeben. Es ist nicht das erste Mal, dass dem Volk kollektive Amnesie verschrieben wird. Der "Große Sprung nach vorn" im Jahr 1958, der nach dem Willen Maos das Land über Nacht in eine Industriemacht verwandeln sollte und stattdessen mehr als 20 Millionen Hungertote forderte, ist ebenfalls zwangsvergessen. Die offizielle Geschichtsschreibung will aufbauen, den Weg zur Großmacht ebnen.

Vielen Chinesen kommt das entgegen. Sie wollen Armut und schmerzliche Erinnerungen hinter sich lassen und den Aufstieg bedingungslos in die Arme schließen. Zudem begannen die Wirtschaftsreformen erst von 1991 an mit ganzer Wucht zu wirken. Deng Xiaoping, der Vater der Unterdrückung von 89 sowie der Reformen, verstand, dass er den Wunsch seines Volkes nach mehr politischen Freiheiten am besten mit wachsendem Wohlstand besänftigen konnte. Tatsächlich sagen heute viele: Geht es uns nicht besser als der ehemaligen Sowjetunion, die den Weg der Reformen wählte? Ist die Sowjetunion nicht zusammengebrochen, während wir auf dem Weg zur Weltmacht sind?

Und doch gibt es Chinesen, die sich erinnern wollen. Aber wie erinnert man an eine Sache, deren offiziell nicht gedacht werden darf? Wer es offen tut, riskiert, ins Gefängnis oder in die politische Psychiatrie eingewiesen zu werden. Wer erinnern will, muss es im Verborgenen tun. In der Hoffnung, dass jene verstehen, die gelernt haben, die Zeichen zu lesen.

So alt wie die Zensur ist der Versuch, sie zu umgehen. Und eine Kultur, in der Zensur immer eine Rolle spielte, entwickelt feine Mechanismen bei dem Versuch, sich ihr zu entziehen. Gemeint ist die Kunst, zwischen den Zeilen zu lesen, das Unausgesprochene mitzuhören, einen Text zu drehen und zu wenden, bis er seine geheime Botschaft offenbart. Theaterstücke, die sich einem historischen Thema widmen, können unausgesprochen Kritik an den herrschenden Verhältnissen üben. Ein paar Wörter eines Sprichworts auszulassen, um so eine neue Bedeutung zu erzeugen, gilt als kunstvolles Spiel; manche nennen es cangci, "versteckte Wörter". Ein anderes Spiel ruft eine Metapher hervor, ohne sie ganz aufzulösen, das Geheimnis liegt darin, die Vieldeutigkeit des Bildes zu erkennen.

Manchmal ist die Ironie offensichtlich, ohne so weit zu gehen, den Kritisierenden zu gefährden. Ein Restaurantbesitzer in Jiangsu etwa, der sich über die Funktionäre ärgerte, die es sich in seinem Etablissement auf seine Kosten gut gehen ließen, heftete folgenden Neujahrsspruch an seine Tür: "Ganz egal, ob dein Geschäft läuft oder nicht, trink aus. Ganz egal, ob du reich bist oder arm, betrink dich" – Spott über die Unverschämtheit seiner Gäste.