Die Mischung aus Singvogelfett und frischem Weißbrot muss unglaublich gut gewesen sein. »Als Kinder sind wir mit Steinschleudern auf Vogeljagd gegangen«, erzählt Ahmet Kütle, »und dann wurden acht oder zehn Vögel auf einen Spieß gesteckt und gegrillt.« Die leckersten waren jene, die wilde Pistazien fraßen. Wie sie hießen, fällt Ahmet nicht mehr ein, aber das Pistazienaroma zog ins Fleisch, und wenn sie den Spieß mit den knusprig gebratenen Vögelchen vom Feuer nahmen, tropfte das köstliche Fett auf das knusprige weiße Brot.

Ahmet Kütle schwelgt gern in Erinnerungen an jene Zeit vor 40, 50 Jahren, als seine Sippe mit all den anderen Bauernfamilien der Gegend vor der drückenden Schwüle an der Küste und der Malaria auf die kühle Alm flüchtete. Mit Ziegen und Schafen, Kamelen und Kühen, Eseln und Ochsen zogen sie ins Gebirge, wo es saftiges Gras satt gab. Dort wohnten sie den ganzen Sommer lang, in Zelten aus Ziegenfell.

Anfang der Siebziger nahm Ahmet Abschied vom Leben in den Bergen und blieb auch sommers am Meer. Er wollte sie kennenlernen, diese Fremden, die neuerdings an die Strände kamen: Rucksacktouristen und Camper in alten VW-Bussen mit Gitarren im Gepäck. Vielleicht konnte man ja an ihnen etwas Geld verdienen. Aus Ästen und Plastikfolie zimmerte er ein kleines Strandlokal. Den Kühlschrank betrieb er mit Petroleum, Strom gab es genauso wenig wie eine Speisekarte. Auf den einzigen Tisch kam, was Ahmet zuvor aus dem Meer gefischt hatte, dazu Brot, Salat, Oliven und Käse.

Ein paar Jahre später war Ahmet der Erste, der ein festes Häuschen aus Beton in die Orangen- und Zitronenhaine baute. Jener gottvergessene Flecken namens Ç ı ral ı , 80 Kilometer südwestlich der südtürkischen Großstadt Antalya gelegen und eingebettet in die bewaldeten Ausläufer des Taurusgebirges, bestand damals nur aus ein paar Holzhütten. Pansyion Kütle nannte Ahmet sein Gästequartier. So heißt es bis heute. Bald folgten weitere Pensionen und bescheidene Hotels, zunächst aus Holz, später aus Stein und Beton. Nach und nach wuchs ein kleiner Urlaubsort heran, versteckt unter Palmen und Granatapfelbäumen, mit Restaurants, Kramläden, Souvenirgeschäften und Friseursalons.

Ahmet sitzt auf dem Rand eines Fischerboots vor dem Restaurant Oleander und blickt auf das Ç ı ral ı von heute. Aufgereiht wie an einer Perlenschnur, im Windschutz von Oleandersträuchern, säumen zehn Restaurants den Strand. Im Oleander gibt es Speisekarten auf Türkisch, Deutsch und Englisch, weiß gedeckte Tische, geschmackvolles Holzmobiliar und WLAN-Anschluss. Kellner im Dauerlauf bringen Zackenbarsch vom Grill, der eben beim Abwiegen noch so gezappelt hat, dass er auf den Boden geflutscht ist. Çemal Demir, der 31-jährige Wirt, ist Ahmets Onkel. Ahmet ist »so um die 60«, wie er sagt. Genauer weiß er es selbst nicht. »Als mein Großvater schon sehr alt war, kaufte er sich noch mal eine junge Frau«, erzählt Ahmet. Mit ihr zeugte er Çemal – der damit der Onkel des älteren Ahmet wurde.

Wer von Antalya durch das Taurusgebirge nach Kaş fährt, an der Küste entlang immer gen Süden, kann von der Staatsstraße aus nicht mal erahnen, dass hier unten ein Dorf liegt. Kurz hinter Tekirova führt ein gewundenes Sträßchen zum Meer hinab. So erreicht man Ç ı ral ı , das aussieht, wie viele Dörfer an der türkischen Mittelmeerküste heute noch aussehen könnten, wenn nicht die Industrialisierung des Tourismus einen zweifelhaften Sieg errungen hätte.

Göynük liegt drei viertel Autostunden nördlich, in Richtung Antalya. Früher war es ein Bauerndorf mit 600 Einwohnern, heute reihen sich dort 19 große Hotelanlagen mit insgesamt 12.000 Betten aneinander. Hotel Nummer 20 steht seit einem Jahr im Rohbau; der Projektentwickler ist pleite. Ausnahmslos All-inclusive wird in den Klötzen angeboten: die Rundumversorgung der Urlauber mit Mahlzeiten, Snacks, Getränken, Sport, Wellness, Kinderbetreuung, Stimmungsmusik und abendlicher Folklore. In den Hotelrestaurants bedienen sich die Gäste mit Vorgekochtem aus großen Alubehältern. Für ihre Woche all-inclusive haben sie 399 Euro bezahlt, vielleicht auch nur 299, mit Flug, wohlgemerkt. Welchen Tischwein, welchen Lammbraten, wie viel Freundlichkeit dürfen sie erwarten? In Göynük lässt sich studieren, was der zügellose Optimismus der Baulöwen aus dem Reiseland Türkei gemacht hat: eine Badewanne mit angeschlossener Kantine.

Ç ı ral ı ist das Anti-Göynük. Hier gibt es ausschließlich familiär geführte Frühstückshotels und Pensionen, die meisten mit fünf bis zehn Zimmern, von üppigen Gärten umgeben. Vom Meer aus sieht man nur die Sonnenschirme und Strandrestaurants. Die anderen Häuser verschwinden unter dichtem Grün. Die meisten Zimmer kommen ohne Fernseher aus. Wer in Ç ı ral ı Urlaub macht, hat keine Lust auf Glotze.

Die meisten Pensionen sind klein, liebenswürdig und ein bisschen krautig, so wie die von Ahmet Kütle, in dessen Gästezimmern vorrangig Türkis und Bonbonrosa zum Einsatz kamen. Dafür entschädigt er mit einem Frühstück, wie es besser kaum sein kann. Die Gäste sitzen im Garten gemeinsam an einem runden Holztisch vor einer ganzen Batterie von Gläsern mit selbst gemachten Marmeladen: Erdbeer, Aprikose mit Mandelstückchen, Pfirsich, Granatapfel, Orange, Kirsche, Pflaume, Feige. Dazu brutzelt Ahmet Eierspeisen und reicht frisches Brot, selbst eingelegte Oliven, Käse, Tomaten und Honig in der Wabe. Fürs Doppelzimmer mit Frühstück verlangt er 30 Euro pro Tag. Den Preis hat er seit 15 Jahren nicht erhöht. »Manche Gäste kommen schon so lang«, sagt er. »Das sind Freunde geworden, da kann ich doch nicht einfach die Preise raufsetzen.«