Die Zerreißprobe naht. Ende Juni wird das Welterbekomitee der Unesco zu einer Vollversammlung in Sevilla zusammenkommen, und das erste Mal überhaupt wird es einem Land den Titel Weltkulturerbe aberkennen. Denn ungeachtet einer letzten Gnadenfrist, wird die Waldschlösschenbrücke in Dresden wie geplant mitten in die breite Elbaue hineingebaut. Die Zufahrtsrampen sind bereits aufgeschüttet und verdichtet. Und das Land Sachsen hat deutlich zu erkennen gegeben, dass es sich an das völkerrechtliche Übereinkommen zum Schutze des Kultur- und Naturerbes nicht gebunden fühlt. Verkehrsentwicklung hat Vorrang. Das fordert Konsequenzen.

Doch haben die Deutschen aus diesem Desaster gelernt? Zwar wird die deutsche Delegation den 21 Mitgliedern des Welterbekomitees im Juni beschämt Rede und Antwort stehen müssen, gleichzeitig aber wird sie ein anderes Brückenprojekt präsentieren, wiederum in einer höchst empfindlichen Welterberegion: die neue Rheinbrücke zwischen St. Goar und St. Goarshausen, gleich unterhalb der legendären Burg Rheinfels gelegen. "Wir wollen das Ja zur Brücke", betont der Welterbebeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz, Kulturstaatssekretär Hofmann-Göttig in seinem Internettagebuch. Und er glaubt sich seiner Sache sicher. Denn auf das Lobbying und die richtige Strategie kommt es an.

Eigentlich verbietet es sich, mitten im Welterbe eine solche Brücke zu bauen. Doch schon bei der letztjährigen Sitzung des Welterbekomitees in Quebec konnte dank der Fürsprache eines "alten Freundes", Bernd von Droste zu Hülshoff, ein striktes Nein gegen eine Rheinquerung vereitelt werden. Droste zu Hülshoff war Gründer und langjähriger Direktor des Unesco-Welterbebüros in Paris, und er berät die Unesco bis heute. Der Mann hat Autorität.

Autorität, die ein anderer gerade verliert: der Gegenspieler in diesem Konflikt, Michael Petzet, langjähriger "Weltpräsident" des Internationalen Denkmalrates Icomos, der die Unesco in allen Welterbefragen fachlich unterrichtet. Er hatte schon vor der Nominierung des "Oberen Mittelrheintals" zum Weltkulturerbe 2002 unmissverständlich klargemacht, dass es in dem tiefen, romantisch verklärten Rheintal keine Brücken- und keine Tunnelquerung geben kann.

Zum "außergewöhnlichen universellen Wert" dieser Kulturlandschaft, so betont Icomos auch heute, gehöre eben, dass der Rhein auf 60 Kilometer Länge Landschaft, Siedlungsräume und Verkehrswege uneingeschränkt prägt. Das Raumkontinuum zwischen Bingen und Koblenz ist zudem europäisches Sehnsuchtsland. Egal, wie viel Beton schon für Hochwasserschutz und Verkehrsbeschleunigung an den Ufern ausgegossen wurde, die literarisch von Achim von Arnim, Clemens Brentano und Victor Hugo geprägte und von internationalen Vedutenmalern bildlich intensivierte Rheinromantik ist fest im kulturellen Gedächtnis der halbwegs gebildeten Welt verankert. Eine Brücke – und sei sie noch so elegant, noch so innovativ, noch so filigran – ignoriert in jedem Fall die Wesensmerkmale dieser uralten Kulturlandschaft. Ob der Blick von und auf die Loreley gestört wird, ist dabei unerheblich. Selbst ein Tunnel würde dem felsigen Flussbett massiv zu Leibe rücken.

Dennoch gab die Welterbekommission 2008 dem devoten Werben der rheinland-pfälzischen Regierung nach und kann sich eine Brücke nun durchaus vorstellen. Schließlich muss der Fürsprecher Droste zu Hülshoff als Ex-Chef der ganzen Welterbeverwaltung wissen, was geht. Auch gibt es seit Neuerem einen sibyllinischen Anhang in den Richtlinien für die Durchführung des Welterbe-Übereinkommens, der auf klägliche Weise versucht, "Kulturlandschaften" zu definieren. Da wird bei den sogenannten organischen Kulturlandschaften zwischen toten, "fossil" geprägten "Reliktlandschaften" und "fortbestehenden", in Entwicklung befindlichen Natur- und Kulturräumen unterschieden. Es ist zwar eine Binsenweisheit, dass sich Landschaften verändern, doch glauben nun manche Lokalpolitiker, sie könnten unter Hinweis auf die Landschaftsklausel das Welterbeprädikat kostenlos für das touristische Marketing nutzen und scheinbar einvernehmlich mit der Unesco planen wie bisher: Einkaufs- und Messezentren, Hochhäuser, Schnellstraßen oder Brücken. Die Landesregierung Rheinland-Pfalz geht jetzt mit gutem Bespiel voran. Der Sinn für Kulturlandschaften ist hierzulande ohnehin unterentwickelt. Deutschland hat die Europäische Landschaftskonvention bis heute nicht unterzeichnet.