Alfter im Vorgebirge, am Rande von Bonn, ist seine Bastion. Nur hier gibt es ihn noch, den Maiwirsing, auf genau drei Höfen. Aus dem Sortiment der Supermärkte ist er längst verschwunden, denn er gilt als unangepasst und kapriziös: Deutschlands schwierigstes Gemüse.

"Ett is fast vorbei", sagt Franz Krämer in seinem rheinländischen Singsang. Der Bauer ist 85, hat seit vielen Jahrzehnten treu zu seinem Kohl gestanden. Nun schwindet seine Zuversicht.

"Aber Herr Krämer", fällt ihm eine Frau ins Wort, "wir tun doch jetzt was." Die Frau heißt Brigitte Lenzen, ist von der Organisation Slow Food, und sie kämpft auch im Juni für den Maiwirsing.

Die beiden Freunde des anspruchsvollen Gemüses stehen auf dem Hof von Edgar Janz, der sich auch dem raren Kohl verschrieben hat: ein improvisiertes Gipfeltreffen für die Presse, um die Randpflanze wieder mehr in die Mitte zu rücken.

Als Franz Krämer in den zwanziger Jahren zur Welt kam, war dieser Kohl noch im Kommen. Zur Jahrhundertwende hatte die landwirtschaftliche Fakultät der Uni Bonn einige Sorten gekreuzt, der Maiwirsing als ein gelungenes Resultat wurde den Landwirten zum Anbau empfohlen. Das Frühgemüse, schmackhaft und lukrativ, zierte fortan die Felder in und um Bonn: lockerer, leichter und weniger kraus als der Herbstwirsing, im Frühjahr zu ernten und frischer im Geschmack, nussig.

Die Bauern nannten diese Sorte Bonner Advent oder Adventsgemüse, da sie Anfang Dezember ausgepflanzt wird. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Bonner Advent bis nach Dresden hin geliefert, nach dem Krieg dann in die gesamte Bundesrepublik. Als Bonn Hauptstadt wurde und Raum für die Regierung brauchte, blieb dem Maiwirsing nur noch das Vorgebirge. So will es die Legende, erzählt von Bauer Krämer.

Der Niedergang setzte wesentlich später ein, in den siebziger Jahren. Dem Frühlingsgemüse erwuchs saisonunabhängige Konkurrenz aus der Truhe. Tiefkühlware und internationale Importe drängten auf den Markt, Massenhaftes aus Gewächshäusern. Erschwerend hinzu kam das "7,5-Kilogramm-Problem".