Wer vor dem Altar innehält, die Blumen betrachtet, den Blick über die Kerzenständer und den Opferstock schweifen lässt, der wird die Kamera nicht bemerken. Nur schwer ist der kleine schwarze Punkt in dem Tuch zu erkennen, das hinter dem Altar gespannt ist. Wenn die Kirchgänger beten, ein Lied singen oder Geldscheine mit einem Draht aus dem Opferstock fischen: "So was haben wir jetzt in bester TV-Qualität", sagt Pfarrer Raimund Alker.

Der 34-Jährige arbeitet erst seit vier Jahren auf seiner Stelle in Pfaffenhofen bei Ulm, doch in dieser kurzen Zeit wurde die St. Martin-Kirche verschiedentlich zum Tatort: Mal steckte eine Heiligenstatue plötzlich kopfüber in einem Blumentopf, mal verschwand ein Fünfzig-Euro-Schein aus dem Gotteskasten. Zweimal fanden sich Schlangen in der Kirche. Die erste war auf dem Altar geopfert worden, die zweite sollte es wohl werden und überlebt nur knapp: Man hatte ihr den hinteren Teil abgeschnitten.

Der Pfarrer rief die Polizei. Die Beamten konnten wenig ausrichten, hatten aber eine Idee: Videoüberwachung!

Kirchen sind ein beliebtes Ziel anonymer Zerstörungswut. Am 10. Januar 2008 legten Unbekannte in der katholischen St. Martinskirche im baden-württembergischen Bad Säckingen ein Feuer in der Weihnachtskrippe. Im Februar warfen Randalierer das Harmonium von der Empore der Blasiuskapelle im hessischen Dornburg. Allein in Baden-Württemberg gibt es nach Schätzungen der Landeskirche jährlich bis zu 30 Fälle. "Solche Taten sind nicht ungewöhnlich. Das ist traurig, aber die Realität", sagt Pfarrer Alker.

Dass Gott alles sieht, daran besteht im Pfarrbüro von Pfaffenhofen kein Zweifel, aber eine Kamera kann ja nicht schaden. Als die Polizei ihre antiquierte Videoausrüstung anbietet, bedankt sich der Pfarrer höflich und legt selber Hand an. Er stattet einen PC mit einer TV-Karte und einer Überwachungssoftware aus, die es kostenlos im Internet gibt. Er freut sich, neben seinen Amtspflichten einer alten Leidenschaft nachgehen zu können. "Wenn ich nicht Pfarrer geworden wäre, hätte ich bestimmt Elektrotechnik oder Informatik studiert, das hat mich nie losgelassen", sagt er. Der Inhalt seiner Diplomarbeit in Pastoraltheologie: Er programmierte eine virtuelle Kapelle, in der die Besucher ihre Gebetsanliegen hinterlassen und grafisch animierte Kerzen anzünden konnten. Das war 1999, als das Internet noch jung war.

Im Frühjahr 2008 installiert Pfarrer Alker sein Überwachungssystem. Sechs Wochen später wird die St. Martin-Kirche erneut heimgesucht: Auf das Weihwasserbecken wird "Wodka Free Ice" geschrieben, der Ambo mit Fäkalwörtern bekritzelt, Hetzparolen stehen auf Altarkerzen, Sakristeiglocke und Kirchentür, teilweise antisemitisch. Den größten materiellen Schaden richten die Täter an einem Blumentopf an, als sie eine Funkkamera des Pfarrers entdecken. "Man sieht, wie sie auf die Kamera schauen und sie herausziehen", berichtet er. Dann reißt das Bild ab. Die beiden Jugendlichen zerstören die Kamera, werfen sie in ein nahes Gebüsch – "aber da waren sie schon längst im Kino", sagt der Pfarrer mit sichtlichem Vergnügen.

Dank des Videobeweises steht Stunden später fest, dass die Täter zwei 15-Jährige aus dem Ort waren. Sie seien, so heißt es in den Ermittlungsakten, "nicht mit der Intention, wie üblich zu beten, sondern um sich die Zeit zu vertreiben" in das Gotteshaus eingedrungen.