In vierter Generation wohnt Familie Lorenz jetzt in der Moderne. Angela Lorenz, Jahrgang 1946 und Generation Nummer drei, öffnet das kleine Fenster auf dem ausgebauten Boden ihres Reihenhauses und zeigt auf das hellgraue, dreistöckige Wohnhaus, das nur hundert Meter entfernt liegt. Da, im sogenannten Hufeisen, einem Wohnblock, der sich wie ein Band um einen Teich windet, sei sie aufgewachsen, ihr Vater wohne dort noch immer. "Die Zimmer im Hufeisen sind wie Tortenstücke", sagt Lorenz, "da kann man wegen der Rundung keinen Schrank an die Wand rücken." Dann zeigt sie nach links, wo hinter einem breiten Grünstreifen mit kleinen Gärten noch mehr Reihenhäuser wie das der Familie Lorenz stehen: Dort ziehe bald die Tochter mit ihrem Zukünftigen ein. Und ihr verstorbener Großvater habe schon Ende der zwanziger Jahre eine der frisch gebauten Wohnungen hinter dem Hufeisen trocken gewohnt. Die kann man aber vom Dachboden aus nicht sehen.

Vom kommenden Wochenende an ist Familie Lorenz ganz offiziell Teil des Weltkulturerbes. Im Roten Rathaus wird der Sekretär der Unesco dem Bundesbauminister und den Berliner Bürgermeistern eine Urkunde überreichen, mit der sechs Berliner Wohnsiedlungen der Moderne in das Welterbe aufgenommen werden: Neben der Hufeisensiedlung im Neuköllner Ortsteil Britz, in der die Familie Lorenz wohnt, sind das die Gartenstadt Falkenberg in Treptow, die Siedlung Schillerpark im Wedding, die Wohnstadt Carl Legien im Prenzlauer Berg, die Weiße Stadt in Reinickendorf und die Großsiedlung Siemensstadt. An vier dieser Projekte war der Architekt Bruno Taut, der 1933 vor den Nazis ins japanische Exil floh, maßgeblich beteiligt.

Knapp vier Millionen Einwohner hatte Berlin damals, die Einwohnerzahl war während der Industrialisierung derart angestiegen. Der Wohnungsbau war nicht annähernd mitgewachsen. Menschen mussten in Schichten schlafen, in neun von zehn Wohnungen fehlte ein Bad. Erst unter dem sozialdemokratischen Stadtbaurat Martin Wagner wurde ein gewaltiges Wohnungsbauprogramm aufgelegt, allein zwischen 1924 und 1930 entstanden 135000 Wohneinheiten. Die knapp 1400 Wohnungen und 600 Reihenhäuser der Großsiedlung Britz waren für Arbeiter gedacht. Die Proletarier sollten raus aus den beengten, schmutzigen und dunklen Mietskasernen der Arbeiterviertel. Licht, Luft und Sonne, das war die stadtplanerische Parole, und so hatte jede Wohnung einen großzügigen Balkon oder einen eigenen Garten – den viele Bewohner damals zum Anbau von Gemüse und Obst nutzten. Die Kinder, wie etwa die Mutter von Angela Lorenz, konnten auf den im reformerischen Geist geplanten Grünanlagen spielen.

Taut hatte beim Entwurf der Häuserreihen mit Vor- und Rücksprüngen gespielt, die Straßen verlaufen nicht parallel zueinander, der Straßenraum wird mal breiter, dann verjüngt er sich wieder. Fassaden, Türen und Fenster wurden mit roter, gelber oder blauer Farbe gestrichen – eine bunte Absage an die Monotonie. Die serielle Bauweise sollte den Wohnraum erschwinglich machen: Jeder Straßenzug bekam die gleichen Türen und Fenster. Die Wohnungs- und Häuserschnitte weichen nur minimal voneinander ab.

Als die Hufeisensiedlung 1930 übergeben wurde, waren die Wohnungen und Reihenhäuser dann doch für Arbeiter zu teuer, es zogen mehrheitlich kleine Angestellte und Beamte ein. Meist gehörten sie zum linken Lager oder sympathisierten mit ihm. Das Hufeisen war als "rote Siedlung" verschrien, der Anarcho-Kommunist Erich Mühsam wohnte hier, ebenso der Maler Heinrich Vogeler.