Wenn früher ein Mensch in Zorn geriet, beschrieben die Zeugen den Vorgang mit Ehrfurcht: Penthesilea rast! Moor schäumt! Hamlet ist toll geworden! Stets war Respekt zu spüren vor dem Rausch, in den der Rasende sich hineinsteigerte. Die Zuschauer sahen einen heiligen Vorgang, die Verwandlung eines Menschen in einen Vulkan. Der Wüterich schien unerreichbar, Gott oder dem Teufel nahe, er ging durch die Flammen der Gerechtigkeit. Außer sich und außerhalb der Gesellschaft, war er, für einen Moment, frei. Heutzutage ist der Zorn nicht mehr Vorschein der Freiheit, er ist ein Symptom, eine Entstellung. Wenn ein Mensch in Wut gerät, schluckt er, frisst’s in sich hinein, lässt sich nichts anmerken, was aber doch alle merken, denn kaum hat er den Raum verlassen, sagen seine Kollegen: Der Kurt hat wieder so ’n Hals. War es nicht mal das Herz, in dem wir den Sitz der Seele vermuteten? Jetzt sind andere Zeiten, Halszeiten.

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