Der Mann, der den Bonus nach Deutschland brachte, hat heute ein ruhiges Büro am Fuß der Deutschen Bank in Frankfurt. Nur ein paar Schritte sind es die lärmende Taunusanlage entlang, dann biegt man ab und betritt ein stilles Büroquartier. Der Grundriss erinnert an einen Kamm, und vom letzten Zinken aus blickt Hilmar Kopper aufs Geschehen. In den neunziger Jahren hat er als Sprecher des Vorstands die Deutsche Bank gelenkt. Anschließend wechselte er, wie so viele Chefs, an die Spitze des Aufsichtsrats. Mehr als 60 Unternehmen hat er in seinem Leben kontrolliert. Heute ist er 74 Jahre alt.

"Glauben Sie nicht, dass ich alles verteidige, was ich da sehe", sagt Kopper über die Bezahlung der Chefs. "Ich bin über manche Ausformungen entsetzt." Das lässt er kurz nachwirken, nippt an seinem Cappuccino und schaut ungewohnt milde. Seine Augen haben so viel gesehen, so viel Macht, so viel Ehrgeiz, so viele starke Männer und ihre großen Fehler. Kopper wehrt sich gegen den Vorwurf, allein Manager hätten die Krise verursacht; zu viele hätten ihren Anteil, von der US-Notenbank bis zu den Regierungen. Dann sagt er: "Denen, die so viel Geld bekommen, mache ich keinen Vorwurf. Entscheidend ist der Aufsichtsrat." Aber wirklich schlimm findet er das alles nicht: "Lasst den wenigen Hundert Investmentbankern ihre zweistelligen Millionenbezüge. Die meisten sind spätestens mit 50 ausgebrannt. Sie sind reich, aber leer."

Nicht viele sind so entspannt. Was die meisten Deutschen denken, haben die Meinungsforscher von Allensbach dokumentiert. Ansehen genießen Manager kaum noch. Sie verdienten zu viel, meinen 85 Prozent der Deutschen, und eine Mehrheit will, dass der Staat ihre Gehälter und Boni begrenzt.

Der Bonus ruft die alte Abscheu vor menschlicher Gier wach, und die größten Empfänger werden in der Krise als die größten Sünder wahrgenommen. Manager, die ein Jahr lang arbeiten und danach so viel haben, dass sie nie mehr arbeiten müssten, die mehr besitzen, als ein durchschnittlicher Mensch in seinem Leben verdienen kann, liefern ein klares Feindbild. Zumal sie sich in Netzwerken gegenseitig stützen und, von den Gewerkschaftern im Aufsichtsrat nicht behindert, selbst zu bedienen scheinen.

Für den deutschen Soziologen Sighard Neckel ist der Bonus zum Symbol eines kulturellen Kapitalismus geworden, der Leistung durch persönlichen Markterfolg ersetzt – und das entwertet, was die Mittelschicht im Beruf sucht: Erfüllung. Nun häufen sich in der Wirtschaftskrise auch noch die Fälle, in denen sogenannte Topleute ihre Vergünstigungen behalten, obwohl sie den Aktionären und dem Gemeinwesen ungeheuren Schaden zugefügt haben. Der Bonus wird zum Kainsmal des Kapitalismus.

Jetzt reagiert die Politik darauf. Berlin handelt, allerdings nur bei deutschen Spitzenkräften. Was könnte man Investmentbankern in London und New York auch vorschreiben? Also soll nächste Woche ein Gesetz über die Managervergütung den Bundestag in zweiter und dritter Lesung passieren. Provisionen, gewinnbezogene Tantiemen, individuelle Leistungsprämien, Aktienoptionspläne – kurzum Boni – werden voraussichtlich nicht begrenzt. Immerhin wird es für den Aufsichtsrat leichter werden, die Bezüge von Managern zu kürzen, wenn sich die Geschäftslage verschlechtert. Und Vorstände werden ihre Aktienoptionen frühestens nach vier statt wie bisher nach zwei Jahren einlösen können. Mehr Transparenz erhoffen sich die Abgeordneten von CDU und SPD auch dadurch, dass künftig nicht nur ein kleiner Prüfungsausschuss über die Vergütung eines Kandidaten abschließend befindet, sondern der gesamte Aufsichtsrat. Wobei man sich nicht zu viel von der Transparenz erwarten sollte. Bereits seit einigen Jahren verlangt der Gesetzgeber mehr Offenheit, und diese hat, wie ein Blick in diverse Gehaltslisten zeigt, die Bezüge eher gehoben als gedrückt.

Fälle der Erregung gibt es reichlich. Etwa der von Gerhard Bruckermann: Der ehemalige Chef der Pfandbriefbank Depfa gehörte zwischenzeitlich zu den bestbezahlten deutschen Firmenchefs. Laut manager magazin erhielt er im Jahr 2004 insgesamt 7,4 Millionen Euro. Drei Jahre später wurde die Depfa von der Hypo Real Estate (HRE) übernommen, und Bruckermann konnte Aktien, die er als Teil seiner Bezüge bekommen hatte, für geschätzte 100 Millionen Euro veräußern. Heute, zwei weitere Jahre später, muss die HRE vom Steuerzahler mit Abermilliarden gestützt werden. Ursache waren genau jene Geschäftsmethoden, mit denen Bruckermann die Depfa einst so begehrenswert gemacht hatte. Und er? Ist längst weitergezogen. Und nicht erreichbar.