Lange war das Schicksal von Flug Air France 447 ungewiss. Erst als die Treibstoffvorräte aufgebraucht sein mussten und das Flugzeug nirgends gesichtet worden war, wurde der Absturz zur Gewissheit . Tage dauerte es, bis die Bergungsarbeiten in Gang kamen. Mehrere Wochen werden sie andauern. Monate müssen gar vergehen, bevor die Angehörigen der Opfer auf Gewissheit hoffen dürfen: Was ist in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni im Gewitter über dem Südatlantik passiert? Und warum?

Wer dieser Tage zu einem Langstreckenflug aufbricht, zumal durch die gewitterreichen Tropen, wer den Äquator überqueren muss, spürt womöglich selbst diffuses Unwohlsein. Oder konkrete Angst. Bei der Münchner Agentur Texter-Millott, die im Auftrag der Deutschen Lufthansa arbeitet, stiegen nach dem Unglück die Anfragen von Passagieren mit Flugangst an. "Das Unglück und die große Aufmerksamkeit bewirken, dass sie sich in ihrer Angst bestätigt fühlen und sie intensiviert wird", sagt die Psychologin Antonia Arboleda-Hahnemann.

Am Samstag vergangener Woche leitete sie ein Seminar für Passagiere, natürlich war das Schicksal von AF 447 dort Thema. Bei der Lufthansa selbst erkundigten sich Passagiere nach einem bestimmten Bauteil, das mehrfach in der Berichterstattung benannt worden war. Und auch ganz unbeteiligte Normalbürger unterhalten sich plötzlich über die Gefahren am Himmel. Das ist zutiefst menschlich. Psychologen kennen den Effekt. Regelmäßig nach Unglücken wie dem des Air-France-Airbus fragen sogar aufgeklärte Zeitgenossen plötzlich: Ist das Fliegen noch sicher?

"Ja", sagt Jan Richter vom Hamburger Flugunfallbüro Jacdec (Jet Airliner Crash Data Evaluation Centre). "Fliegen wird immer sicherer, das entspricht allen von uns gemessenen Indikatoren." Richter zählt seit Jahren die Unglücke der Zivilluftfahrt. 598 Menschen sind 2008 dabei gestorben. Die Zahlen des vergangenen Jahrzehnts lagen zwischen 500 und 1200 Toten pro Jahr, in der Rückschau geht diese Zahl seit den Achtzigern stetig zurück, während die Menge der beförderten Passagiere dramatisch wächst. Die International Air Transport Association, die praktisch alle großen Luftlinien vertritt, gibt die Absturzquote mit 0,81 Flugzeugen pro einer Million Flüge an.

Bei mehr als vier Milliarden Fluggästen jährlich liegt das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz zu sterben, bei rund 0,00001 Prozent. Eine solche Zahl klingt viel zu niedrig, als dass Nichtmathematiker sie rational einordnen könnten.

Wie jede Statistik ist auch diese abstrakt und taugt kaum zur Beruhigung. Was bedeutet überhaupt 0,81 Unfälle pro eine Million Flüge? Wo doch, selbst wer nur zum Sommerurlaub einen Jet besteigt, leicht auf über 100 Flüge pro Leben kommt. Ein Normalbürger mit einigen weit entfernten Geschäftsterminen und wenigen privaten Flugreisen pro Jahr könnte bis zur Rente durchaus 1000 Mal ein Flugzeug besteigen. All die Meilensammler, Jetsetter und Senator-Lounge-Bewohner kommen auf deutlich mehr.

Besonders Vielflieger haben ihre Risikovermeidungsstrategien, die sich aus dem gesunden Halbwissen eines Luftfahrtlaien speisen: Völlig klar, dass man in keinen Jet einer Fluglinie steigt, welche die EU auf die schwarze Liste gesetzt hat (was ohnehin schwierig würde, dürfen diese doch in Europa gar nicht landen und starten). Aus den verfügbaren Anbietern wählt man gerne einen mit gutem Leumund (wozu auch die Air France zählt, die eine gute, wenngleich nicht hervorragende Risikostatistik vorweisen kann).