Um es vorwegzunehmen: Martin van Crevelds jüngstes Buch über den organisierten Gebrauch bewaffneter Gewalt ist auch ein Buch über die Geschichte des Krieges im 20. Jahrhundert – aber vor allem ist es eine systematische Auseinandersetzung mit der Frage, wann und aus welchen Gründen die eine Seite gewinnt und die andere verliert. Von der Marneschlacht bis zur US-Invasion des Irak geht der Historiker van Creveld, der an der Hebräischen Universität in Jerusalem lehrt, in betont unterkühltem Tonfall der Frage nach, was die Sieger richtig und was die Verlierer falsch gemacht haben.

Die in den meisten deutschen Darstellungen der beiden Weltkriege vorherrschende Beschäftigung mit den politischen Rahmenbedingungen der Kriege, den Kriegsverbrechen und dem Leiden der Zivilbevölkerung tritt bei van Creveld in den Hintergrund. Ihn interessieren strategische Pläne, die Möglichkeiten ihrer Umsetzung, die Verbindung von Feuerkraft und Bewegung und vor allem das Problem der Logistik: Wie kann man den gewaltigen Apparat, den man geschaffen hat, in Bewegung setzen?

Martin van Creveld zieht hier die Summe der Forschungen, die er während der letzten Jahrzehnte angestellt hat und von denen einige in Deutschland auch außerhalb der Spezialistenkreise für Aufsehen gesorgt haben. So ist er schon früh der Frage nachgegangen, warum die meisten Einheiten der Wehrmacht 1944 noch eine relativ größere Kampfkraft besaßen als ihre westalliierten Gegner, wiewohl diese ihnen materiell überlegen waren, und warum zerschlagene oder aufgeriebene Wehrmachtseinheiten schon bald darauf wieder ins Kampfgeschehen eingreifen konnten.

Dass van Creveld, in den Niederlanden geboren, als Kind nach Israel ausgewandert und inzwischen einer der weltweit führenden Kriegshistoriker, die militärische Leistungsfähigkeit der Deutschen bewundert, ist vielleicht zu viel gesagt, aber er stellt diese in einer provokativen Nüchternheit dar, wie man sie hierzulande eigentlich nur in der militaristischen Ecke findet.

Was van Creveld herausstellt, sind die Lernfähigkeit und das taktische Geschick, die Innovationsbereitschaft und das Durchhaltevermögen des deutschen Militärs – freilich nur bis 1945, und die wenigen Bemerkungen, die er über die Bundeswehr macht, sind eher abfällig und weisen den Streitkräften der demokratischen Republik einen Rang in der zweiten oder auch dritten Reihe zu, während das kaiserliche Heer und die Wehrmacht als erstklassig dargestellt werden.

Freilich haben beide den Krieg zuletzt verloren. Martin van Creveld führt dies besonders auf die Verwundbarkeit der geopolitischen Lage Deutschlands und deren unzureichende Berücksichtigung durch die Politik zurück. Das heißt bei ihm jedoch nicht, dass man deutscherseits den Zweifrontenkrieg unter allen Umständen hätte vermeiden sollen. Man hätte sich vielmehr strategisch flexibler darauf einstellen müssen und eine Vorstellung davon gebraucht, wie man den Gegner England in die Knie zwingen will.

Van Crevelds Kritik gilt daher dem jüngeren Moltke und dessen Planung des Zweifrontenkrieges, und sie zielt auf die Marineführung, die stärker auf U-Boote als auf teure Großkampfschiffe hätte setzen sollen. Zweimal hatte man sich nicht auf einen Gegner vorbereitet, von dem klar war, dass man mit ihm bei Fortführung des eingeschlagenen politischen Kurses aneinandergeraten musste. Wer einen Krieg mit Großbritannien riskierte, musste in der Lage sein, das Land wirtschaftlich zu strangulieren. Das war Deutschland nicht, und das wurde ihm zum Verhängnis. So van Creveld.