Steil hinauf geht’s zur Burg, deren Befestigungsanlagen nicht einmal Wallensteins kriegswütige Truppen bezwingen konnten. Oben angekommen, wird man mit einem Ausblick auf grüne Hügel belohnt, den schon Martin Luther genoss, allerdings unfreiwillig: Der Reformator bewohnte für 165 Tage eine Stube mit knarzendem Bretterboden im Fürstenbau der Burg, als er unter päpstlichem Bann stand. Während dieser Zeit schrieb Luther, dem fränkischen Himmel so nah, mit schwarzen Lettern an die Stubenwand: "Non moriar sed vivam et narrabo opera domini – Ich werde nicht sterben, sondern leben und die Werke des Herrn verkündigen". Gleich daneben hängt eines jener Lutherbildnisse, mit denen sich Lucas Cranach d. Ä. in das kollektive Gedächtnis der Deutschen hineingemalt hat: Es zeigt einen wohlgenährten, schmallippigen, bibeltreuen Mann mit verdrehten Händen und gelblich-glatter Denkerstirn. Der soll Kirchenrevolutionär sein? Eine Wand weiter grübelt der Augustinermönch mit Doktorhut gemütlich vor sich hin. Die mit wenigen Strichen kunstvoll hingeworfene Profilansicht stammt ebenfalls aus der Werkstatt Cranachs.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Wer die Kunstsammlungen der verwinkelten, frisch restaurierten Räume der 1056 in einer polnischen Schenkungsurkunde erstmals erwähnten Veste Coburg aufsucht, wandelt immer auch auf den Spuren der Männerfreundschaft, die Luther, den Prediger und Wortkünstler, und Cranach, den Hofmaler der sächsischen Kurfürsten, lebenslang verband. Als der 42-jährige Luther die 26-jährige ehemalige Nonne Katharina von Bora heiratete, war Cranach der Trauzeuge. Das später von ihm gefertigte Doppelbildnis des Reformatorenpaares – von Protestanten verehrt, von Katholiken verschmäht – wirkt selbst noch auf heutige Betrachter in seiner fleischlichen Präsenz und Charakterdifferenzierung derart ausdrucksstark, dass man glaubt, die Körpertemperatur zu spüren, wenn man sich diesen Gesichtern nähert.

Jenseits der Cranach-Werke, die allein schon den Aufstieg zur Burg lohnen, präsentiert die Abteilung der spätgotischen Tafelmalerei auch noch Gemälde von Dürer, Holbein und Grünewald, einem der geheimnisvollsten deutschen Maler. Dessen raumfüllende Abendmahlsdarstellung zeigt einen naturalistisch fein gemalten Tisch, um den sich lauter Charaktere von auffallender Hässlichkeit gruppieren. Nicht Jesus und Johannes ziehen die Blicke des Betrachters auf sich, sondern die beiden rothaarigen, sich grimmig fixierenden Jünger.

Neben der religiösen Kunst gibt es in dem mittelalterlichen Turm- und Treppenlabyrinth allerlei weltliches Brimborium zu bestaunen. Barocke Kachelöfen, französische Seidentapeten, venezianische Glasarbeiten, Jugendstilvasen, Münzen, Orden, Pferdeköpfe, Hirschgeweihe, Brautkutschen, Turnierschlitten, Rüstungen, Jagdwaffen und auch recht unappetitlich anmutende Folterwerkzeuge. Aber bitte keine falschen Schlussfolgerungen: Die Fürsten von Sachsen-Coburg sind nicht als blutrünstige Krieger in die Geschichte eingegangen, vielmehr waren sie für eine Heiratspolitik bekannt, die sie auf zahlreiche Throne brachte. Im 19. Jahrhundert tanzten ihre Nachkommen auf nahezu sämtlichen Hochzeiten des europäischen Adels. Was den praktischen Nebeneffekt hatte, dass immer wieder irgendeine Mitgift die fürstlichen Schatullen füllte und weitere Kunstwerke gekauft werden konnten.

Ja, die auf der Veste mit viel Lokalpatriotismus gehorteten Schätze sind so umfangreich, dass man wiederkommen muss. Wie schön also, dass es einen blauen Festungs-Express gibt, der am Schlossgarten entlangtuckert und auch einen Stopp gegenüber der Orangerie macht: Dort wurde gerade das neue Glasmuseum eröffnet.