Vor Kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des ZEITmagazins, eine auf seinen Namen ausgestellte Karte in der Mitgliederkartei der NSDAP entdeckt – Dieter Wellershoff, Mitglied Nr. 10.172.531 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Eine hohe, also späte Nummer, eine vom letzten Aufgebot.

Wer durfte in die Partei? Nur wer für würdig befunden wurde und unterschrieb. Sagen die Historiker. Dieter Wellershoff, das einstige Mitglied der Schriftstellervereinigung Gruppe 47, ein Mann, der sich in Büchern und Essays oft mit der deutschen Katastrophe beschäftigte, sagt am Telefon: "Ich war total vor den Kopf geschlagen, als ich von der Karte erfuhr."

Er ist bereit zum Gespräch. Es findet Tage später in seiner Kölner Altbauwohnung statt. Wellershoff breitet Dokumente und Fotos auf dem Glastisch aus. Die Entlassungsurkunde aus britischer Gefangenschaft liegt da, ein Fotoalbum aus den dreißiger und vierziger Jahren. Und die Kopie der NSDAP-Karteikarte.

"Ich kann mich überhaupt nicht erinnern, dass ich irgendwas unterschrieben hätte", sagt Wellershoff. Und in der Tat, eine Unterschrift von ihm wurde im Bundesarchiv nicht gefunden. Könnte er verdrängt haben, dass er als 17-Jähriger einen Zettel mit seinem Namen versah, als man ihn aufforderte, in die Partei einzutreten? Wellershoff, der den Krieg erlebte und eindringlich beschrieb, ist Erinnerungsspezialist. "Mit Verdrängungen kenne ich mich aus, Verdrängung gibt es."

Vier Stunden dauert das Gespräch. Ein Wühlen im Gedächtnis, in Dokumenten, und doch bleibt am Ende ein leeres Bild. Mittendrin springt Wellershoff auf, geht zum Bücherregal, sucht etwas. "Wir waren im Krieg und auf das nackte Existieren zurückgeworfen", sagt er. "Man muss erlebt haben, wie Stalinorgeln mit ihren Salven fast eine ganze Kompanie niedermähten. Wie Luftminen links und rechts einschlugen, das habe ich in Berlin erlebt, in der Kaserne." Sein Blick gleitet an den Buchreihen entlang. "Wir mussten raus und Sachen aus brennenden Häusern tragen. Da hat mir jemand ein Büchlein geschenkt, in das ich guckte: 'Nimm es mit, Junge!'" Er zieht es aus dem Regal und reicht es herüber: das Buch aus einer Bombennacht, Grillparzers König Ottokars Glück und Ende .

Lesen, das war etwas Individuelles, ja Intimes, ein innerer Urlaub vom Kriegskollektiv. Überhaupt, die "Gemeinschaft". Wenn schon, dann habe er die Soldaten bewundert. "Aber vor diesen braunen Leuten habe ich nur Abscheu empfunden. Ich habe eine solche Abneigung gegen Parteien gehabt, dass ich als junger Mann noch nicht einmal in eine bundesdeutsche Partei eingetreten wäre."

Woher dann die Karte? "Tja, die Karte steht da im Raum, und das ist ein erklärungsbedürftiges Phänomen. Aber es fehlt die Szene dazu", sagt er und tippt mit den Fingern auf die Stuhllehne. Er gibt nicht den trotzigen Dementierer. Er bohrt sich in das Damals hinein, hellwach. Man ist geneigt, ihm zu glauben.

"Ich war nicht Mitglied der NSDAP! Ich hätte ja verrückt sein müssen, am Ende des Krieges einzutreten. Wem hätte ich damit gefallen wollen können? Wir Jungen wurden verheizt für die Fantasiepolitik der NSDAP. Damit diese Leute noch ein paar Monate länger an der Macht blieben." Er erzählt von Scheinbataillonen, aufgestellt in den letzten Kriegsmonaten. "Ich habe ein ganzes Feld voll gefallener Kameraden vor Augen, wenn ich daran denke." Und nach einer Pause: "Dass ich den Krieg überlebt habe, das habe ich versucht zurückzuzahlen, indem ich mich aufklärerisch verhalten habe."

Auch gegen sich selbst? Laut Karteikarte wurde die Parteiaufnahme des Dieter Wellershoff, geboren am 3.November 1925 in Neuss, am 20. April 1944 beantragt und erfolgte rückwirkend zum 20. April 1943. Zudem liegt dem Bundesarchiv eine Liste von 368 Aufnahmescheinen vor, dort taucht auch der Name Wellershoff auf. Die Liste sandte die Gauleitung Düsseldorf am 28. Oktober 1944 an die Reichsleitung in München. Zu Beanstandungen, etwa wegen fehlender eigenhändiger Unterschriften, kam es nicht.