Ist es möglich, dass ein junger Mann, der jeden überlebten Tag als existenziell empfinden musste, die Aufnahme in die Partei der Nazis als so nebensächlich empfand, dass er sie vergaß? Oder war, andersherum, die Scham so groß, dass sie die Erinnerung tilgte?

Verdrängung, glaubt Wellershoff, habe mit der Erfahrungsentfremdung zwischen den Generationen zu tun. In einem wirklichen Generationengespräch, findet er, hätte die junge Generation darüber nachzudenken, wie es möglich sei, dass Menschen in so etwas hineingerieten. "Dieses gute Gefühl 'Nein, wir sind ganz andere Menschen', das ist doch auch ein Verdrängungsmechanismus."

Er erzählt sehr offen von seiner Jugend in Grevenbroich, dem Elternhaus mit der Fahnenstange vor der Tür, das der als Kreisbaumeister arbeitende Vater selbst geplant hatte. Wellershoff beschreibt ihn als Menschen mit einem Faible für Uniformen. Im Familienalbum lächelt ein hagerer, hochgewachsener Mann. Walter Wellershoff war in der NSDAP, "aber er war ein völlig unpolitischer Mensch", sagt sein Sohn heute. "Wie andere, die so dachten, ging er 1938 als Luftwaffenoffizier in die Wehrmacht, ganz explizit, um sich der Partei zu entziehen."

Und doch war das Engagement des Vaters im NS-Staat nicht ganz beiläufig. Wie er selbst im Februar 1949 im Entnazifizierungs-Fragebogen angab, der dem ZEITmagazin vorliegt, war er auch Mitglied der SA und weiterer NS-Organisationen: Reichsluftschutzbund, NS-Volkswohlfahrt, NS-Reichskriegerbund, NS-Bund Deutscher Technik, Reichskolonialbund. "Dass dein Vater in so vielen Vereinen war, wundert mich nicht", ruft Wellershoffs Frau Maria von nebenan. "Der war kein Held, der war ein Anpasser." Dieter Wellershoff erinnert sich, einmal gehört zu haben, wie seine Mutter den Vater anstachelte, er könnte in diesem Staat doch schon viel weiter sein. Ehrgeiz, Opportunismus, Anpassung – diese Haltung war typisch für viele Erwachsene im "Dritten Reich". Und die Jugend damals?

Hört man Dieter Wellershoff zu, war der Generationenkonflikt keine Erfindung von 1968: "Hitlerjunge und Jungvolk, das konnte man akzeptieren, das waren wir Jungen selbst. Aber die Partei, das waren die Erwachsenen, die dieses System zu verantworten hatten, oft Spießer und Opportunisten. Uns Jungen muss man glauben, dass wir nicht aus Opportunismus gehandelt haben."

Ein Schock sei es gewesen, als er von den KZs erfuhr. "Da war ich völlig fassungslos, dass man in diesen Zusammenhängen sein Leben zur Verfügung gestellt hatte. Ein ungeheurer Betrug an der eigenen Generation. Wir fühlten uns missbraucht."

Aber wer hatte sie missbraucht?
"Na, die Nazis! Die Partei. Und natürlich viele Helfershelfer, auch in anderen Ländern."
Was unterschied Nazis von Nichtnazis?
"Die Nazis hatten die Ideologie, wir müssen eine bestimmte Menschensorte ausrotten."
Waren alle, die in der NSDAP waren, Nazis?
"Nein. Viele haben sich einfach angepasst. Mein Vater sagte, er müsse dafür sorgen, dass die Häuser anständig gemacht werden."

Häuser, Autobahnen, Vollbeschäftigung. Und dahinter Lager, Einsatzgruppen, SS. Wem kann man noch trauen, wenn so ein Weltbild kollabiert und man mit dem Mitschuldvorwurf konfrontiert wird? Wellershoff schüttelt den Kopf. "Ohne mich, hat unsere Generation gesagt. Wir konnten nur noch uns selbst vertrauen." Er habe nach dem Krieg ein Motto gehabt, er wisse nicht, wo der Spruch herkomme: "Wenn ich das Wort Gemeinschaft höre, entsichere ich meine Pistole."

Der Satz stammt von Goebbels: "Wenn ich das Wort Kultur höre, entsichere ich meinen Revolver." Das Motto der existenzialistischen Nachkriegsjugend als Echo eines Spruchs des NS-Propagandaministers. Noch in ihrer Skepsis war die verratene Generation von der Vergangenheit geprägt, die sie dann ein aufrechtes Demokratenleben lang scharf bekämpfte.