Ein eisiger Wind weht über Keitum, als Christian Ress die jungen Rebstöcke in seinem neuen … – ja, was denn eigentlich? – vergräbt. In seinem Weinberg, möchte man sagen. Es kommt einem kein besseres Wort in den Sinn, weil in Deutschland fast alle Trauben in Schräglagen wachsen; sie brauchen ja so viel Sonne. Aber hier ist kein Berg, kein Hang, kein Hügel – so etwas gibt es auf Sylt nun mal nicht.

Das Weinfeld also liegt zwischen Reetdachhäusern und einer Landstraße. An seinem Rand stehen zwei Strandkörbe. Ein paar Schritte weiter beginnt schon das Watt. Der Grund lag über Jahrzehnte brach. Der Besitzer hielt hier ein paar Pferde. "Damit es nicht so öde aussah." Landwirtschaft hätte nicht gelohnt, und bauen durfte er nicht. Nun hat er an Ress verpachtet und verfolgt amüsiert, wie vor seinem Fenster ein Unikum heranwächst: Deutschlands nördlichster Wein.

Damit wäre eine weitere Gewissheit des deutschen Weinbaus erschüttert. Denn ebenso selbstverständlich, wie man Rebstöcken die sonnigsten Hänge gab, pflanzte man sie im Norden überhaupt nicht. In jedem Fachbuch ist nachzulesen, dass quer durch Deutschland eine Grenze verlaufe, jenseits derer Trauben nicht mehr gedeihten. Nur wo genau sie verlaufen soll, das hängt davon ab, wie alt das Buch ist. 50.Breitengrad, das war einst die Faustregel, also etwa die Höhe von Koblenz. Die ausgezeichneten Weine der Saale oder Ahr fielen schon nicht mehr darunter. Also wurde nachgebessert: 52. Grad – Münster. Aber selbst diese Grenze könnte bald fallen. "55°" soll der Wein aus Keitum heißen – das ist der Breitengrad von Sylt.

Christian Ress ist kein rekordversessener Hobbywinzer wie die meisten, die im Norden mit Weinbau ihr Glück versuchen. Der 35-Jährige leitet gemeinsam mit seinem Vater das angesehene Weingut Balthasar Ress in Hattenheim (am 50. Breitengrad). "Unsere Mondmission" nennt er die Expansion nach Sylt. Fünfeinhalb Tonnen Gerätschaft hat er dafür aus dem Rheingau mitgebracht – und ein fünfzigseitiges önologisches Gutachten. Da steht viel von "Risiko" und "problematisch", aber eben auch, es sei möglich.

Warum gerade hier? "Sylt ist ein wichtiger Markt für uns", sagt Ress, "viele potenzielle Kunden auf kleinstem Raum." Einige sind an diesem Nachmittag zusammengekommen, um den Fortschritt der Mission zu verfolgen: Gastronomen, Weinhändler – und Pächter. Für 269 bis 499 Euro kann man nämlich Pate eines Rebstocks werden. Ist das nicht ein bisschen viel Geld für ein graviertes Namensschild am Rebstock und eine Flasche Keitumer Landwein pro Jahr? Schulterzucken, Lächeln bei den Pächtern. Es sei halt so eine schöne Idee, ein ideales Geschenk für Leute, die schon alles haben. "Die Pachten gehen weg wie warme Semmel", sagt Christian Ress. Er ist selbst überrascht.