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Einen "väterlichen Freund der Berliner Studenten" hat der ZEIT- Redakteur Haug von Kuenheim seinen Verleger Gerd Bucerius in einem Brief von Anfang April 1968 genannt. Doch was sagen die Dokumente in Bucerius’ Nachlass heute über dieses Verhältnis?

Man darf nicht vergessen: In der Bundesrepublik nahm der Protest der 68er Züge eines scharfen Generationskonflikts an. "Der Generationsbruch ist ungeheuer", beobachtete Hannah Arendt bereits Anfang der sechziger Jahre. Die Studenten "können mit ihren Vätern nicht reden, weil sie ja wissen, wie tief sie in die Nazi-Sache verstrickt waren". Gerd Bucerius war nicht "verstrickt"; mit ihm konnten die Studenten reden. Und er wollte mit ihnen reden. "Der Aufstand der Jungen", so Ralf Dahrendorf in seiner Bucerius-Biografie, "ließ verborgene Saiten anklingen, die des aufsässigen Schülers zum Beispiel, auch die des selbst von autoritären Mächten unbeeindruckten Rebellen." Der damals 61-jährige Verleger war neugierig darauf, was die aufbegehrenden Studenten zu sagen hatten.

In scharfen Worten hatte der ZEIT- Korrespondent in Berlin, Kai Hermann, in der Ausgabe vom 9. Juni 1967 den Polizeiexzess vor der Berliner Staatsoper aus Anlass des Schah-Besuchs am 2. Juni und die anschließende Verschleierungstaktik des Senats verurteilt. Zwei Monate darauf kam es zu jenem Gespräch, zu dem Bucerius die Wortführer der Studentenrevolte, Rudi Dutschke, Christian Semler und Wolfgang Lefèvre, in seine Wohnung in der Warburgstraße einlud. Es fand wahrscheinlich am 17. August 1967 statt. "8 Personen, Kaffee+Kuchen, evt. Butterbrot bereithalten", notierte Bucerius in seinen Terminkalender. Anscheinend war Bucerius von den drei Gästen sehr angetan. "Sie haben ja so recht, die Jungen, sie haben ja so recht!", soll er ausgerufen haben. So berichtet es jedenfalls Karl-Heinz Janßen in seiner Geschichte der ZEIT . Was Bucerius anzog, war die Kritik an der Erstarrung der bundesdeutschen Demokratie und der autoritären Verkrustung der Gesellschaft. Er sah die Reformbedürftigkeit, und der studentische Protest schien ihm geeignet, durchgreifende Reformen zu befördern.

Auch die Rebellen hatten offensichtlich Gefallen am Hamburger Verleger gefunden. Ende November 1967 wandte sich Lefèvre im Namen des Asta der Freien Universität Berlin an den "sehr verehrten Herrn Bucerius" mit der Bitte, dem Rechtshilfefonds für studentische Demonstranten, die nach dem 2. Juni in Gerichtsverfahren verwickelt waren, einen namhaften Betrag zur Verfügung zu stellen. Bucerius zögerte nicht lange und spendete 5000 Mark. Damit wurden die Kosten beglichen, die im Laufe des Jahres 1968 für den Verteidiger, den Rechtsanwalt Horst Mahler, anfielen, unter anderem im Verfahren gegen Mitglieder der Kommune I, Rainer Langhans, Dieter Kunzelmann und Monika Würfel. "Im Zusammenstoß mit der Berliner Justiz sind die Studenten die Schwächeren und haben Anspruch auf angemessene Verteidigung", schrieb Bucerius am 1. Dezember 1967 an Lefèvre. Zugleich mahnte er die Studenten, im Umgang mit den Berliner Richtern nicht zu schimpfen, sondern zu argumentieren. "Dies ist kein Vorwurf, sondern ein Ratschlag. In Ihrem Alter hätte ich wahrscheinlich den Hammer noch viel gröber geschwungen."

"Mein Gefühl ist jedenfalls auf der Seite der Studenten", ließ Bucerius den ebenfalls um Unterstützung angegangenen Verleger der Münchner Abendzeitung , Werner Friedmann, und den Vorsitzenden des Vorstands der Bank für Gemeinwirtschaft in Frankfurt, Walter Hesselbach, wissen. "Immerhin bin ich gelernter Jurist und weiß, daß man zunächst sein Recht bei den Gerichten suchen muß, auch die Berliner Studenten. Nicht erträglich aber scheint mir, daß die Studenten in diesen Verfahren nicht durch gute Rechtsanwälte vertreten sind." Dieselbe Argumentation wiederholte Bucerius in einem Artikel in der ZEIT vom 15. Dezember 1967, in dem er die Behauptung des Spiegels dementierte, er würde (mit Rudolf Augstein und dem Komponisten Hans Werner Henze) Dutschke und den SDS finanzieren.

Konservative ZEIT-Leser schimpften über die Hilfe für die "Radaubande"

Doch der konservative Teil der ZEIT- Leserschaft war empört; es gab Abbestellungen. Das ganze Weihnachtsfest sei ihm verdorben worden, klagte ein Leser; die Revoluzzer habe "uns doch der Osten geschickt, und wir sind so dumm, diese Herren auch noch zu unterstützen… Was soll aus Deutschland werden?" Ein anderer Leser beschwerte sich über "die Haltung Ihres obersten Chefs und Inhabers, Herrn Bucerius, der der kommunistischen Radaubande von Studenten um Dutschke noch erhebliche finanzielle Unterstützung zukommen lässt".

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Der Hass der schweigenden Mehrheit auf die Studenten kam hier zum Ausdruck, und er wurde durch das publizistische Trommelfeuer der Springer-Presse gegen die langhaarigen "Radikalinskis", "Krawallmacher", "Politikgammler" ständig angefacht. Wenn der heutige Chefredakteur der Welt, Thomas Schmid, selbst einst eher unter den "Radikalinskis" zu finden, meint, die Berichterstattung der Springer-Zeitungen sei damals sehr viel "differenzierter" gewesen, als immer dargestellt werde, so ist das nichts weiter als nachträgliche Legendenbildung. Was sich die Gazetten B.Z ., Berliner Morgenpost und Bild an Demagogie gegen die Studenten geleistet haben, wird für immer ein Schandfleck bleiben in der Geschichte der deutschen Nachkriegspublizistik.

Mit den Studenten teilte Bucerius die Sorge vor Springers marktbeherrschender Stellung. Er sah darin eine große Gefahr für die liberale Demokratie. "Springers Griff auf die deutsche Presse ist übermächtig: er kann mit uns allen machen, was er will", hatte er bereits im Dezember 1966 an seine Partner John Jahr und Richard Gruner geschrieben. Deshalb hatte er sich auch in die von der Regierung Kiesinger eingesetzte Günther-Kommission berufen lassen, die Vorschläge zur Begrenzung der Pressekonzentration ausarbeiten sollte. Große Hoffnungen setzte Bucerius allerdings nicht darauf. Es sei doch "sehr schwer, über Springer herzufallen – er ist doch so reich und mächtig", schrieb er am 21. November 1967 an den Publizisten und stern- Autor Erich Kuby. "Aber was jetzt passieren wird, ist ganz eindeutig: die CDU stellt sich vor Springer, die SPD, alarmiert, wird nicht riskieren, gegen ihn vorzugehen. Das Establishment siegt, und Springer gehört eben dazu, wie keiner."

Ein "Tribunal" gegen Springer, wie es den Studenten vorschwebte, lehnte Bucerius (wie Rudolf Augstein auch) ab. "Es erinnert peinlich an das Stockholmer Tribunal gegen die USA." Stattdessen stellte er Kuby für eine zu erarbeitende Publikation über den "Fall des Hauses Springer" 15.000 Mark zur Verfügung. 10.000 wurden an den Voltaire-Verlag überwiesen, in dem die von Bernward Vesper herausgegebenen Flugschriften der Apo erschienen, die restlichen 5000 gingen über den Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft an eine Arbeitsgruppe an der Freien Universität. Weitere 5000 Mark spendete Bucerius im Dezember 1967 dem Institut für Publizistik an der Freien Universität, das eine Untersuchung über die Berichterstattung aus Anlass des Schah-Besuchs in Auftrag gegeben hatte.

Mitte März 1968 erhielt Bucerius eine Einladung des Republikanischen Clubs in Berlin, sich an einem Kuratorium zur Vorbereitung eines "Springer-Hearings" in Hamburg für Ende Mai zu beteiligen. Zu den Einladenden gehörte auch der stern- Redakteur Manfred Bissinger. Bucerius lehnte die Teilnahme ab, weil sich die Mitglieder der Günther-Kommission verpflichtet hätten, keinem anderen Gremium anzugehören. Aber er ließ Bissinger einen Scheck über 15.000 Mark ausstellen; eine von Bissinger unterzeichnete Quittung vom 26. März 1968 findet sich in den Akten, wie Bucerius überhaupt penibel hat Buch führen lassen. Das geplante "Springer-Hearing" fand jedoch nicht mehr statt – im Sommer 1968 hatte bereits der Zerfallsprozess der Studentenbewegung eingesetzt.

Natürlich war Bucerius auch Geschäftsmann, der vor allem mit der Beteiligung an der Anti-Springer-Kampagne eigene Interessen verfolgte. In einer Aufstellung über alle Spenden vom Oktober 1969 – sie summieren sich auf 84286,52 Mark – begründete er sein Engagement mit den "Ausdehnungstendenzen" Springers, durch die die Position von Gruner + Jahr im umkämpften Zeitschriftengeschäft "ernstlich gefährdet" worden sei. Er habe alle Bemühungen um eine Beschränkung von Springers Marktmacht "umso unbedenklicher" unterstützen können, "weil in diesem Fall die geschäftlichen Interessen des Hauses sich mit meiner persönlichen Auffassung über die Struktur unserer Gesellschaft deckten".

Für Springers Blätter war nun auch der ZEIT- Verleger ein beliebtes Angriffsobjekt. Im Februar 1968 verbreitete Bild die Nachricht, Bucerius würde von seinen Freunden wegen seiner Sympathien für die radikalen Studenten "Butschke" genannt. "Das Ziel ist klar", schrieb Bucerius Ende Februar an den Geschäftsführer Röpert, "man will mich in den Augen der Freunde und vor allem der Anzeigen-Agenturen diskriminieren." Deshalb nehme er jede Möglichkeit zur öffentlichen Äußerung wahr.

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Eine solche Möglichkeit bot sich ihm bei der Kundgebung "Appell zur Vernunft", die von der Humanistischen Union und der Internationalen Liga für Menschenrechte am 6. März 1968 im Audimax der Technischen Universität Berlin veranstaltet wurde. Auf dem Podium saßen unter anderem auch Günter Grass und der Germanist Peter Wapnewski. Von der 16-minütigen couragierten Rede Bucerius’ gibt es einen Mitschnitt, der die überaus erregte Stimmung wiedergibt. Drei Tage nach dem Vietnamkongress des SDS vom 18./19. Februar hatte der Berliner Senat zu einer Gegenkundgebung aufgerufen, auf der die von der Springer-Presse geschürte Pogromstimmung zum Ausbruch kam. Ein Mann, der Dutschke ähnlich sah, wäre fast gelyncht worden.

Er erkenne Berlin nicht wieder, sagte Bucerius zu Beginn seiner Rede. Wenn es stimme, was er im Berliner Extra-Dienst gelesen habe, dass Innensenator Kurt Neubauer vor der Vietnam-Demonstration gesagt habe, "es käme auf ein paar Tote nicht an", dann sei "in dieser Stadt Entsetzliches los". Hart ging Bucerius mit den Berliner Regierenden ins Gericht, noch härter mit der Springer-Presse, die "gegen alles, was links und Student ist, geputscht" habe, "so wie es die Zeitgeschichte nicht einmal aus Kriegszeiten kennt". Aber er sagte auch den radikalen Kräften im SDS einige unangenehme Wahrheiten. Sie wollten den Staat notfalls mit Gewalt ändern, weil sie nicht glaubten, dass das liberale System seine offenkundigen Mängel aus eigener Kraft beseitigen könne. "Das unterscheidet Sie von uns." Gewiss, so hieß es am Schluss, Dutschke und die Studenten seien eine Herausforderung. Aber: "Welch ein Geschenk für diese Stadt, wenn sie diese Herausforderung annimmt, wenn sie sich der Kritik stellt und mit ihr intellektuell auseinandersetzt, wenn sie nicht knüppelt, sondern reformiert." Am Nachmittag desselben Tages hatte sich Bucerius im Republikanischen Club mit Lefèvre, Dutschke und einigen ihrer Mitstreiter getroffen, Auch darüber berichtete er in einem Artikel in der ZEIT vom 25. März, der mit den Worten schloss: "Sie irren – aber ich beneide sie um ihren Glauben und ihre Redlichkeit. Die Gesellschaft wird sich vor ihnen bewähren müssen."

Dutschkes Ideen teilt der Verleger nicht, aber er hilft ihm nach dem Attentat

Doch der Appell verhallte ungehört. Am 11. April, Gründonnerstag, schoss Josef Bachmann, ein Gelegenheitsarbeiter, am Kurfürstendamm auf Rudi Dutschke und verletzte ihn schwer. Das Attentat löste die schwersten Unruhen seit Bestehen der Bundesrepublik aus. Überzeugt, dass Bild mitgeschossen hätte, blockierten die Studenten die Springer-Druckereien und steckten Auslieferungsfahrzeuge in Brand.

Bucerius ließ sofort 10.000 Mark an Dutschkes Frau Gretchen überweisen und versicherte in einem Brief an den mit den Dutschkes befreundeten Theologieprofessor Helmut Gollwitzer, dass die Zahlungen an keinerlei Bedingungen geknüpft seien. "Ich würde es sehr missbilligen, wenn irgendein Mitarbeiter unseres (großen und daher für mich nicht immer übersichtlichen) Hauses den Versuch gemacht haben sollte, von Frau Dutschke (gar unter Berufung auf die geleistete Zahlung) Ungehöriges zu verlangen." Gemeint war das Exklusivrecht an einer Geschichte vom Krankenlager, um das sich die Journalisten rissen. Dass dann ausgerechnet zwei Mitarbeiter des sterns, dessen Miteigentümer Bucerius war, am 17. Mai heimlich in das Krankenzimmer Dutschkes eindrangen, hat den ZEIT- Verleger erzürnt. "Rudi hat sich sehr aufgeregt und Fieber bekommen", beschwerte sich Gretchen Dutschke in einem Schreiben an Bucerius, in dem sie sich für "die großzügige finanzielle Unterstützung" bedankte. Bissinger musste versichern, dass der stern keine Bilder bringen würde, "die mit Hintertreppenmethoden zustande kommen".

Die "Osterunruhen" markierten die Grenze, bis zu der Bucerius und die ZEIT mit den rebellierenden Studenten zu gehen bereit waren. "Die Vernunft bleibt auf der Strecke", überschrieb Theo Sommer seinen Leitartikel vom 19. April, in dem er "die Schreibtischtäterschaft des SDS, die geistige Vaterschaft an den Ausschreitungen der letzten Zeit" geißelte. Auch Bucerius ging nun auf Distanz. Zwar spendierte er der in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Studentenvertretung der TU Berlin im Mai 1968 7000 Mark, und Ende Juni kam er der Bitte von Sigrid Fronius, der Asta-Vorsitzenden der FU Berlin, um einem Zuschuss nach. Doch verhehlte er nicht, dass er dies nur mit einigem Zögern tat. "Die Lage in Berlin ist für mich ganz unübersichtlich geworden. Von Ihnen und Ihrer Arbeit wird Gutes berichtet. Aber in Ihrem Gefolge benehmen sich viele Studenten doch wohl recht rüpelhaft." Aber, so Bucerius weiter, er möchte nicht, dass die Arbeit des Asta "durch Geldmangel erwürgt wird. Die Demokratie, an die ich zum Unterschied von Ihnen glaube, muß diese Auseinandersetzung bestehen. Deshalb anbei ein Verrechnungsscheck über DM 5000,–."

Im November 1968 bewilligte Bucerius dem Republikanischen Club für eine Dokumentation über die Studentenprozesse im Zusammenhang mit den Anti-Springer-Demonstrationen noch einmal 5000 Mark. Aber eine Erhöhung des Betrages für den Rechtshilfefonds um dieselbe Summe lehnte er ab. Vorausgegangen war die bislang gewalttätigste Auseinandersetzung der Studenten mit der Polizei am Tegeler Weg, bei der viele Beamte verletzt worden waren. Seit dem "mit Pflastersteinen geführten Krieg vor dem Landgericht Berlin" seien "alle guten Bemühungen um die Verteidigung der Studenten sehr viel schwerer geworden", teilte Bucerius dem Vorsitzenden der Rechtshilfe im RC, Urs Müller-Plantenberg, mit. Das war das Ende seines finanziellen Engagements für die Studentenbewegung. Am besten charakterisiert seine Haltung ein Brief von Ende Februar 1968: "Ich teile keine der Ideen des Herrn Dutschke – außer der einen: dass es jedem Staatsbürger erlaubt ist, seine Ansichten zu äußern. Für diese meine Überzeugung werde ich immer eintreten, weil ich mein ganzes Leben stets auf der Seite der Schwächeren gewesen bin."