Es gibt Menschen, die sich erst einmal auf Betriebstemperatur bringen müssen, wenn sie in ein Gespräch gehen. Beth Ditto gehört nicht dazu. Beth Ditto beherrscht die Kunst, einen Raum schon beim Betreten mit ihrer Präsenz zu erfüllen. Ohne Ansatz und Vorwarnung, alles, was sie dazu braucht, ist ihre Stimme. Vielleicht sollte man weniger von einer Stimme sprechen als von einer vokalen Druckwelle, einem Ganzkörpereinsatz, der in Drive, Lautstärke und Silbenausstoß den Level einer normalen Konversation transzendiert. Aber was ist schon normal bei einer Frau wie Beth Ditto?

Normalerweise haben Menschen mit ihrer Figur wenig zu melden. Normalerweise bevölkern sie das Schattenreich der Nachmittags-Talkshows, wo sie in schlecht sitzenden Trainingsanzügen Lebensbeichten ablegen. Menschen mit so vielen Kilos am Leib – 95 sind es, bei einer Körpergröße von 1,55 Meter – sollten demütig Diätrezepte entgegennehmen. Nicht so Beth Ditto. Ditto ist nicht nur dick, sie ist schamlos. Wenn sie spricht, scheint immer irgendetwas in Vibration zu geraten, die Fensterscheiben, die Luft, ihre gewaltigen Oberarme, auf denen die Botschaft "Mama" eintätowiert ist. Gern und oft gebraucht sie das Wörtchen fat, was sich in ihrem Südstaatenenglisch dramatisch anhört. Es sind keine Interviews, die Beth Ditto gibt, sie erteilt Lektionen: Wie platze ich ungefragt mit der Tür ins Haus.

Weit hat die Sängerin und Frontfrau des Trios The Gossip es in dieser Disziplin gebracht, aus der Kummerkastenecke in die Musikmagazine und von dort zu den Pariser Modewochen, wo sie ihren XXL-Hintern in die erste Reihe quetschte und mit einem reizenden Tüllkleid von Fendi den Magermodels die Schau stahl. Stella McCartney war hingerissen, der Dickenhasser Karl Lagerfeld legte den Arm um sie, großes Bussibussi und Blitzlichtgewitter. Seit auch noch das Hochglanzmagazin Love sie nackt auf die Titelseite hob, wird im Internet diskutiert, was von dem Phänomen zu halten ist. Ist Beth Ditto a) eklig, b) ein Superstar, c) das Antidot gegen die Weltherrschaft von Heidi Klum oder d) einfach nur fett? Sie selbst sieht die Sache eindeutiger: Beth Ditto ist eine lesbische Musikerin und Aktivistin mit Sinn für Mode, die gar nicht daran denkt, sich die Butter vom Brot nehmen zu lassen.

Music For Men heißt die neue Gossip-CD, in ironischer Anspielung auf Blickwinkel, die man einnehmen kann oder eben auch nicht. Musikalisch knüpft das Werk nahtlos an den Vorgängerhit Standing In The Way Of Control an, minimalistische Punksoulsongs mit Discoeinschlag zum Abfeiern und Loslassen, inhaltlich wird das Themenfeld der schwul-lesbischen Liebe abgeschritten: Frau liebt Frau, Mann liebt Mann. Manchmal kommen sie zusammen, öfter bleibt es bei Blicken, doch auch die gemeine Homoerotik ist eine Grenze, über die Ditto mit viel Aplomb hinwegfegt. Vertonte Thesen aus dem gendertheoretischen Seminar sind ihre Sache nicht, unter der Sonne der Glitzerkugel darf bei ihr jeder Jeck auf seine Weise anders sein. Mag die Welt sie in einer Mischung aus Faszination und Ekel zum Freak der Saison stempeln, Beth Ditto stempelt nicht zurück. Als Queen des queeren Discopunks ist sie Demokratin. Vor dem Beat sind für sie alle Liebenden gleich.

Die Gründe für diesen erfreulichen Mangel an Engstirnigkeit sind ausgerechnet im unterentwickelten amerikanischen Süden zu suchen. Ditto wuchs in Searcy auf, einer Gemeinde in Arkansas , genauer gesagt am Rand von Searcy: Ihre Familie stammt aus dem Trailerpark. Dicksein ist hier nicht das Hauptproblem, dick sind im Süden viele, es kommt von den vielen Hamburgern und den Erdnussbuttersandwiches, schlimmer ist die Intoleranz, der Blick, mit dem die Leute auf einen herabschauen. Es sind keine guten Erinnerungen, die Ditto an diese Zeit mit sich herumträgt, bigotte Nachbarn, galoppierender religiöser Wahnsinn, ein McJob als Muffin-Verkäuferin. Wenn du fett und lesbisch bist, hast du in Searcy ein Problem, sagt sie, dann hacken sie unablässig auf dir herum – Searcy, das war wirklich die Hölle. Seither hat Beth Ditto eine Mission: Sie bekämpft den Hass auf alles Andersartige. Das Anderssein selbst lässt sie wachsen und gedeihen.

Wie bei Eminem und auch bei Elvis sind es Diskriminierungserfahrungen aus der Provinz, die die tiefste biografische Spur gezogen haben. Mit Letzterem verbindet Ditto ein Zug zum Bodenständigen und Konzilianten: leben und leben lassen, wir sind alle nur arme Sünder. Mit Eminem teilt sie die Fähigkeit, sich aus dem Stand verbal nach vorn zu ballern, koste es, was es wolle. Mit beiden gemeinsam hat sie den Willen, sich jenseits enger Verhältnisse neu zu entwerfen. Es ist die alte Geschichte vom Landei, das sein Glück in der Stadt versucht, die auch hier Modell gestanden hat, ein modernes Märchen mit einer allerdings ungewöhnlichen Heldin. Beth Ditto sieht es so: Wenn du mit einem Haufen Geschwister im Wohnwagen aufwächst, mag das gut fürs Stimmvolumen sein, doch wenn du es zu etwas bringen willst, hilft nur Flucht. Als das Geld dafür beisammen war, flog sie 3000 Meilen nach Nordwesten, in eine andere Welt. Es war das erste Mal, dass sie ein Flugzeug bestieg.

Portland , Oregon , muss man sich als liberale Universitätsstadt vorstellen: Es gibt Buchläden, Coffeeshops und zahlreiche Clubs, in denen der Underground verkehrt. Besonders berühmt ist Portland für seine blühende gay community. Der pazifische Nordwesten der USA ist, neben Kalifornien und den großen Städten der Ostküste, die wohl freizügigste Ecke des ganzen großen Landes, die klassische Zufluchtsstätte für Abweichler jeglicher Couleur. Hier, unter Punks und Gleichgesinnten, entstand The Gossip, ursprünglich als reines Spaßprojekt, das jedoch bald schon Kultstatus erlangte, eine unendliche Wohltat nach den jahrelangen Knechtungen durch die Mehrheit. Dann wurde die Sache professioneller und zog Kreise, in den Musikgazetten war schon bald vom nächsten großen Ding die Rede, und das schuf neue Probleme. Jemandem, der aus Searcy, Arkansas, kommt, mag Portland wie die beste aller möglichen Welten vorkommen. Der Himmel auf Erden ist es trotzdem nicht.