Die alten Griechen wussten, was gut für ihre Jugend ist: Bildung und Sport. So schufen sie das "gymnásion", wo junge Männer sich geistig und körperlich ertüchtigen konnten. Nach diesem Vorbild entwarfen humanistisch geprägte Landesfürsten Anfang des 19. Jahrhunderts die Institution Gymnasium, um den bis dahin weitgehend offenen Universitätszugang zu regulieren. Zum Kanon gehörten neben Griechisch und Latein auch Mathematik und Deutsch, während die "Realien" (Fächer wie Naturbeschreibung, Physik, Geografie und Geschichte) und moderne Fremdsprachen kaum unterrichtet wurden. Das änderte sich Mitte des 19. Jahrhunderts, als im Zuge der Industrialisierung breitere Bevölkerungsschichten nach höherer Bildung strebten. Das humanistische Gymnasium, das seinen antiken Bildungsidealen gemäß jede Form pragmatischer Berufsorientierung ablehnte, war für das aufstrebende Wirtschaftsbürgertum wenig attraktiv. Es schickte seine Sprösslinge lieber auf ein neusprachliches Realgymnasium oder eine mathematisch-naturwissenschaftlich orientierte Oberrealschule.

Seit die hier erworbenen Abschlüsse um 1900 auch rechtlich mit dem Reifezeugnis gleichgestellt wurden, schwand die Bedeutung des altsprachlichen Gymnasiums drastisch. Besuchten um 1900 noch 80 Prozent der "höheren Schüler" die Oberstufe eines humanistischen Gymnasiums, waren es 1926 nur noch 43 Prozent. Trotzdem blieb das Gymnasium lange exklusive Bildungsstätte der gesellschaftlichen Elite. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts besuchten nur ein Prozent der Schüler ein Gymnasium, noch Anfang der 1930er Jahre verließen nur etwa drei Prozent eines Jahrgangs die Schule mit dem Abitur. Zwar stammen Kinder, die erfolgreich das Gymnasium besuchen, bis heute eher aus sozial besser gestellten Schichten, Kinder mit Migrationshintergrund sind deutlich in der Minderheit. Mit der exklusiven Bildungseinrichtung, als die es einmal gegründet wurde, hat das Gymnasium im Jahr 2009 jedoch nichts mehr zu tun. Heute besucht mehr als ein Drittel eines Jahrgangs das Gymnasium. Aus der Eliteschule ist eine Volksschule geworden.