Das Auditorium maximum der Berliner TU glich einer überfüllten Sporthalle, in der irgendeine Weltmeisterschaft ausgetragen wurde – nur dass darin ausschließlich Anhänger einer Mannschaft vertreten waren. Sie saßen dicht gedrängt im Zuschauerraum und auf der Empore, sie ballten sich in Haufen an den Türen und in den Gängen, aber auch vor und hinter dem langen Konferenztisch auf dem Podium. Wer das Spektakel aus einer der hinteren Reihen beobachtete, konnte den Eindruck gewinnen, der Tisch stehe gar nicht auf dem Boden, sondern auf einem lebendigen Fundament. Die Halle war erfüllt vom Grundgeräusch eines tausendfältigen Murmelns und Schwatzens, das immer nur kurz von der Oberstimme eines Redners übertönt wurde und bei gewissen Reizwörtern in rhythmisches Klatschen und "Ho-Ho-Ho Tschi-minh"-Rufe überging.

Meine eigenen Eindrücke von jenem Tag sind durch die extremen Stimmungswechsel geprägt, denen ich damals unterworfen war. Wie Hunderte von anderen im Saal war ich in ständiger Bewegung, als ließe sich durch die Veränderung meiner Position ein noch höherer Grad von Übereinstimmung und Begeisterung erreichen. Einige Augenblicke lang wurde ich von dem Gefühl erfasst, mich streife der Mantel der Geschichte. Das änderte jedoch nichts an der Gewissheit, dass meine Rolle in der Studentenbewegung beendet war. Das Projekt eines Springer-Tribunals, an dem ich seit einem halben Jahr mit Dutzenden von Gleichgesinnten gearbeitet hatte, war über Nacht zertrümmert worden. Fast alle Gutachter, die wir dafür gewonnen hatten, hatten ihre Teilnahme nach den Steinattacken auf sieben Filialen der Morgenpost abgesagt. Eine Liebe, die mich mehr in Atem hielt als das Springer-Tribunal und der Vietnamkrieg, war zerbrochen – ich schwankte zwischen Euphorie und Verzweiflung. Trotz dieser höchst persönlichen Befindlichkeiten scheint es mir im Rückblick, als ob die wilden Pendelschläge in meinem Inneren damals die ganze Stadt regierten.

Für die Berliner waren die Studenten die Hilfstruppen der "roten Gefahr"

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/AFP/Getty Images

Der Vietnam-Kongress am 17. und 18. Februar 1968 wurde zur größten Machtdemonstration der Studentenbewegung in der Phase ihrer außerparlamentarischen Empörung. Er markiert aber auch den Anfang ihres Zerfalls und ihrer Auflösung.

In den vorangegangenen Monaten hatte es im Gebälk des politischen Überbaus West-Berlins laut gekracht. Im September 1967 waren der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz, Innensenator Wolfgang Büsch und Polizeipräsident Erich Dünsing teils freiwillig, teils genötigt von ihren Ämtern zurückgetreten. Die Springer-Presse, die mit ihren Hassparolen gegen die "Mao-Jünger" und das "rote Pack" entscheidend zur Hysterisierung in der Stadt beigetragen hatte, tat so, als habe sie nichts zu bereuen, und rief weiter zur Hatz: "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!"

Aber auch die militanten Führer der Bewegung eskalierten weiter. Statt sich ihres politischen Erfolgs zu freuen, statt eine Brücke zu den rituell beschworenen "Massen" zu suchen, verstärkten sie ihre Revolutionsrhetorik. Fixiert auf die Mächtigen in der Stadt, sahen sie in den Rücktritten eine Art Abdankung des Systems und setzten die Weltrevolution auf den Spielplan. Der Leichtsinn, die Spielfreude und die kreativen Provokationen, die das Jahr 1967 in Berlin geprägt hatten, wurden mehr und mehr durch revolutionäre Fertigsätze abgelöst.

Die Berliner Studenten, die im riesigen Kokon von Gleichgesinnten aus aller Welt im Audimax der TU den Schulterschluss mit den "revolutionären Massen" in der Dritten Welt suchten, merkten nicht, wie weit sie sich von den einheimischen "Massen" in West-Berlin entfernt hatten. Der Bau der Mauer lag kaum sieben Jahre zurück; die fast einjährige sowjetische Berlinblockade von 1948, die durch Versorgungsflüge der amerikanischen "Rosinenbomber" gebrochen wurde, war den älteren Berlinern noch in frischer Erinnerung. Sie waren nicht bereit, ihre wichtigste Schutzmacht plötzlich als "imperialistische Supermacht" an den Pranger zu stellen. Nicht die USA sahen sie als Bedrohung ihrer Sicherheit an, sondern die rebellierenden Studenten, die mit ihrem Protest gegen den "verbrecherischen Krieg in Vietnam" die Straßen verstopften.

Der Ruf "Geht doch nach drüben!" ließ keinen Zweifel daran, dass sie uns als Hilfstruppen der "roten Gefahr" identifizierten. Die wüsten Beschimpfungen, die auf der Straße oder auch in anonymen Briefen laut wurden: "Euch hat der Hitler zu vergasen vergessen!" "In die Tonne mit dem Ungeziefer und den Flammenwerfer reinhalten!", machten deutlich, wie viel Nazizeug noch in den Köpfen steckte.