Jeffrey Bezos ist schon seit 15 Jahren ein Mann der Zukunft, ein Oldtimer der Internetwelt. Der Informatiker hat den Internetbuchhandel amazon.com gegründet und mit seiner elektronischen Vertriebsmethode die amerikanischen Buchhändler an den Rand des Ruins geführt. Nun, am 6. Mai des Jahres 2009, soll es um die Zukunft der Zeitung gehen. Der 45 Jahre alte Milliardär steht im Auditorium der New Yorker Pace University, nicht unweit der Wall Street, und stellt sich einer Schar von Journalisten als Retter der New York Times vor.

Mit ihm gekommen ist ein 57-jähriger schüchterner Mann, der verlegen lächelt: Niemals würde der Verleger und Chairman Arthur Ochs-Sulzberger jr. zugeben, dass seine börsennotierte New York Times Company einem alten Cadillac gleicht, wie manche in der Stadt lästern. Die Marke Cadillac gehört zur Insolvenzmasse des Autogiganten General Motors. Und auch die New York Times Company sei am Ende, behaupten die allzu mächtigen Rating-Agenturen; sie haben die Aktie seiner Gesellschaft auf "junk" herabgestuft, auf Müll also. Von 50 Dollar im Jahr 2005 ist sie auf sechs Dollar gestürzt. Bei solchen Notierungen schließen auch die einst so leichtfertigen New Yorker Banken ihre Kreditschalter. Der New York Times Company droht die Insolvenz.

Doch die Wende naht, hofft ihr Verleger, hier und jetzt: Jeffrey Bezos zeigt sein jüngstes Produkt in die Runde, einen fingerdünnen Rechner mit Namen Kindle DX, das Kind des Kindle 2, mit einem 24,6-Zentimeter-Bildschirm. Er taugt für den drahtlosen Hochgeschwindigkeitsempfang von Texten und schwarz-weißen Bildern. Er verfügt über 3,3 Gigabyte Speicher, was dem Inhalt von 3500 Büchern entspricht. Und er soll 489 Dollar kosten. Sofort zeigt die hell leuchtende Projektionsfläche in Sulzbergers Rücken ein Kindle-DX-Bild mit der ersten Seite der New York Times. Für 9,50 Dollar pro Monat könne man Ochs-Sulzbergers Zeitung künftig auf Bezos’ Apparat laden. Der Verleger strahlt. "Wir wussten seit einem Jahrzehnt", sagt er, "dass ein elektronisches Lesegerät dasselbe befriedigende Erlebnis ermöglicht wie eine gedruckte Zeitung!"

Doch plötzlich verschwindet auf der Projektionsfläche des Uni-Auditoriums das ganze Bild. Peinliches Dämmerlicht füllt den Saal, Mr. Bezos lächelt gequält. Irgendjemand in seiner Entourage hat etwas falsch gemacht. Ein böses Omen? Schon wieder? Der Internetmilliardär wird nicht gewusst haben, dass am 16. Januar 1992, genau an dem Tag, und in der Stunde, an dem der korrekt gekleidete Herr neben ihm von seinem Vater Arthur "Punch" Sulzberger zum Verleger der Times bestellt wurde, dass also genau an jenem Tag die große Uhr über dem Eingang zum Verlagshaus auf der 43. Straße in New York stehen geblieben war, aus unerklärlichen Gründen. Das Signal aus der Welt des Zufalls gilt in der Folklore der New York Times inzwischen als böses Vorzeichen der Ära unter Arthur jr.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, diesem Eitelkeitstreffen der Wirtschaftseliten aus aller Welt, hatte der Verleger 2007 erklärt, dass er nicht wisse, ob die New York Times "in fünf Jahren" noch auf Papier gedruckt werde. Es sei ihm auch "ehrlich gesagt: egal". Dass aber im Gratiskosmos des Internets zahlungswillige Käufer fehlen, merkte er, als das erste Netz-Abonnement seiner Zeitung nicht angenommen wurde. Jetzt also ein zweiter Anlauf. Allerdings fehlt dem Kindle DX die Farbe der gedruckten Ausgabe, das mindert den Wert der meisten Anzeigen. Und die früher so lukrativen schwarz-weißen Kleinanzeigen sind ohnehin längst ins Netz abgewandert. Annoncen für Haushaltshilfen oder gebrauchte Autos sucht man im Blatt vergebens.

Sonntags ersetzte die Lektüre der "Times" den Gottesdienst

Bezos’ Gerät, nein: allen elektronischen Lesehilfen fehle die "Dinghaftigkeit einer Zeitung", findet der Art Director der Times, Tom Bodkin . Vor drei Jahrzehnten hatten deren Sonntagsausgaben einen Umfang bis zu 1600 Seiten – das sieben Pfund schwere journalistische "Ding an sich" landete krachend vor den Haustüren der aufstrebenden Mittelschicht in New Yorks Suburbia, die Lektüre ersetzte für viele den Gottesdienst.

Die New York Times, sagt ihr Chefredakteur Bill Keller, "kann jeder getrost in der U-Bahn liegen lassen" – anders als den Kindle oder ähnliche Apparate, die man nicht falten kann und auf denen man auch keine Kaffeetasse abstellen sollte. Ein haltbares Geschäftsmodell, ein Zufluchtsort für eine Zeitung wie die Times ist der Kindle nicht, sondern nach Blackberry, iPod und iPhone nur ein weiteres Spielzeug für eine geräteverliebte Nation auf der Suche nach Ablenkung, permanentem Informationsdrama und kurzweiligem Zeitvertreib.

Die Stärke der gedruckten New York Times verkörpert das Gegenteil: geduldige, nachhaltige Aufklärung und intelligente, unparteiische Ordnungssuche im journalistisch gebändigten Nachrichtenchaos. Und – als Folge dieser Mühen – Einfluss auf die politischen, akademischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger des Landes.

Seine Skepsis gegenüber der Internetstrategie seines Verlegers Sulzberger kann Chefredakteur Keller nicht verhehlen. Journalismus-Studenten der Stanford University empfahl er kürzlich, über ihr Berufsziel noch einmal nachzudenken. Ein Reporter der Times, der ungenannt bleiben will, schließt nicht aus, dass sein Verlag in zehn Monaten Insolvenz anmelden könnte. Sein Chefredakteur ist geduldiger. Um ein neues Geschäftsmodell zu entwickeln, sagt Keller, blieben "ein oder zwei Jahre".

Die wichtigste Zeitung der Vereinigten Staaten erscheint an Wochentagen mit einer knappen Million gedruckter Exemplare, sonntags sogar mit 1,4 Millionen. Ihre Auflage sinkt seit einigen Jahren langsam, in den vergangenen zwei Halbjahren jeweils um 3,6 Prozent. Das ist weniger als der Durchschnitt der amerikanischen Zeitungen. Dennoch steht sie nur Schritte vom finanziellen Abgrund entfernt, solange sie an das Schicksal ihres verlustreichen Medienkonzerns gefesselt bleibt, der aus weiteren 17 Tageszeitungen, über 50 Websites und einer New Yorker Radiostation besteht. Ihr Ende gliche einem Herzinfarkt der kritischen amerikanischen Öffentlichkeit. Es wäre eine finstere Wegmarke für den Niedergang aller subventionsfreien Qualitätszeitungen demokratischer Gesellschaften. Wenn die New York Times es nicht schafft, die tektonischen Verschiebungen des Nachrichten- und Unterhaltungskonsums ins Internet zu überleben, wenn sie den rasanten Niedergang des Anzeigenaufkommens nicht kompensieren, den elektronischen Informations-Tornado nicht abwettern kann, vielleicht gar nicht will – wie, so fragen sich die Verleger anderer seriöser Blätter in Paris, London, Hamburg, Berlin und München, wie soll es dann ihnen gelingen, als Restposten der journalistischen Gutenberg-Ära zu überleben?