Kein Namensschild, keine Initialen, nichts. Niemand soll sehen, wer hier wohnt. Niemand soll klingeln oder Briefe einwerfen – zumindest keiner, von dem der Hausherr das nicht will. Ein Briefkasten mit einem geschwungenen Posthorn drauf. Ein weiß lackiertes Eisentor. Daneben eine riesige Dreiergarage. Dahinter: die Villa. Als wäre sie ein Versteck.

Vaterstetten, 20 Autominuten östlich von München. Wer hier wohnt, will seine Ruhe haben. Den Mann in der Villa nennen sie nur den "Skandalbanker". Den "Pleitebanker". Er heißt: Georg Funke. Er war: Vorstandschef der Hypo Real Estate, kurz HRE, von deren Börsengang 2003 bis zu seinem Rücktritt im Herbst 2008.

Glaubt man der offiziellen Geschichte, dann kam da einer aus dem Nichts und verschwand im Nichts. Niemand hatte Funke auf dem Zettel, bevor er an die Spitze der HRE rückte. Er war keiner der old boys der Deutschland AG, kein smarter Newcomer. Jetzt ist er wieder abgetaucht. Und dazwischen?

Hat er im Alleingang eine Bank ruiniert. Hat die Regierung der Bundesrepublik Deutschland gezwungen, fast 100 Milliarden Euro an Bürgschaften und direkten Staatshilfen zu gewähren. Hat den Staat genötigt, erstmals eine private Bank zu übernehmen. Funke war selbstverliebt und gierig. Und nun wagt er es noch, gegen seine fristlose Kündigung und den Stopp aller Geldzahlungen zu klagen.

Funke ist die Finanzkrise.

Das ist die Geschichte, die jeder kennt. Aber war es wirklich so?

Wahrscheinlich hat jeder Bundesbürger in den vergangenen neun Monaten irgendwann von der HRE gehört. Nach den beiden nächtlichen Rettungsaktionen im Herbst. Nach dem Streit über die Entmachtung der Aktionäre im Frühjahr. Nach der Hauptversammlung Anfang Juni, die die Verstaatlichung ermöglichte. Die HRE prägte das Wörterbuch der Krise: Systemrelevanz. Enteignung. Bad Bank. Und jetzt: Untersuchungsausschuss.

Es ist eine Geschichte, die einen Schuldigen braucht, das ist fast zwingend bei solch einem Drama. Funke könnte seine Version erzählen, will aber nicht, auch nicht im Beisein seines Anwalts. Die Wahrheit ist kompliziert. Und so kommt es, dass die Bank, über die seit Ausbruch der Krise mehr berichtet, geschrieben und diskutiert wurde als über jede andere, dass diese Bank bisher niemand wirklich kennt.

1. Akt: Berlin, am Donnerstag dieser Woche. Am späten Nachmittag wird Georg Funke das Paul-Löbe-Haus betreten, einen Betonriegel voller Abgeordnetenbüros und Sitzungsräume, direkt an der Spree. Er wird in einen der gläsernen Aufzüge steigen und hinauf in den zweiten Stock fahren. Oben angekommen, werden ihm Kamerateams und Fotografen den Weg versperren, man wird versuchen, ihm eine Gasse zu bahnen, hinein in den Sitzungssaal Nummer 2300, bis hin zu seinem Stuhl. Vor ihm auf dem Tisch wird sein Namensschild stehen, direkt daneben das seines Anwalts.

"Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus", heißt es in Artikel 20 des Grundgesetzes. Im Untersuchungsausschuss dürfen die Repräsentanten des Volkes ihre Fragen stellen. Funke gegenüber werden elf Abgeordnete sitzen, seit Ende April beschäftigen sie sich mit der Beinahepleite der HRE. Allein die drei Oppositionsparteien haben 76 Beweisanträge eingebracht. Funkes Auftritt ist der erste Höhepunkt.

Man muss sich eine Zeugenbefragung im Untersuchungsausschuss als Kräftemessen vorstellen. Hier die Opposition. Dort die Regierung. Hier die FDP. Dort die SPD. Hier Volker Wissing. Dort Nina Hauer. Wissing will zeigen: Die Krise der Bank war absehbar, also hat die Regierung versagt. Hauer will zeigen: Ohne die überraschende Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, ohne den Kollaps der Finanzmärkte hätte die HRE überlebt.

Vielleicht versteht man diesen Gegensatz am besten, wenn man das Debakel der HRE mit dem Untergang eines Schiffes vergleicht. Aus Sicht der Opposition war dieses Schiff zu schnell unterwegs, es hatte große Löcher im Rumpf, die man früh hätte stopfen können. Die Sicht der Regierung ist eine andere: Das Schiff hatte Schäden, aber es war fahrtüchtig – und nach allen bisherigen Erfahrungen hätte es den rettenden Hafen erreicht. Dann aber kam eine unvorhersehbare Monsterwelle.

Wissing fragt scharf, schnell, fast wie ein Staatsanwalt. Hauer fragt anders. Suggestiver. Verständnisvoller. "Also hat der Finanzminister das nicht wissen können?" ist so eine typische Frage.

Vor Volker Wissing steht ein silberner Laptop, in den er ständig neue Fragen hackt.

Vor Nina Hauer steht eine silberne Thermoskanne mit Tee.

Ihr Kräftemessen ist auch deshalb so seltsam, weil die Redezeit ungleich verteilt ist, entsprechend der Sitzverteilung im Bundestag. FDP, Linke und Grüne haben je nur sieben bis acht Minuten pro Fragerunde, Union und SPD mehr als doppelt so viel.

Spielchen, all das. Obwohl es hier doch um Fragen geht, die sich alle Bürger stellen: War die Rettung der Bank wirklich 100 Milliarden Euro Steuergeld wert? Hat die Regierung das Desaster kommen sehen? Und lag der entscheidende Fehler womöglich schon in der Gründung der HRE?