Nun also auch Dieter Wellershoff. Der Schriftsteller sei noch gegen Kriegsende der NSDAP beigetreten, die Mitgliedskarte sei gefunden, berichtet das ZEITmagazin in seiner letzten Ausgabe. Die letzte Welle derartiger Enthüllungsgeschichten liegt zwei Jahre zurück, als im Gestus des Skandalösen die Karten von Dieter Hildebrandt, Martin Walser, Siegfried Lenz, Niklas Luhmann, Tankred Dorst und einigen anderen aus den hinterlassenen Karteien des »Dritten Reiches« gezogen wurden; in der ersten Welle waren es die von Walter Jens, Peter Wapnewski und Martin Broszat gewesen.

Mit Wellershoff, Träger des Literaturpreises der Gruppe 47, trifft es einmal mehr ein intellektuelles Idol der (alten) Bundesrepublik. In der jüngsten Ausgabe des Spiegels schreibt Wellershoff, die Mitteilung, es gebe eine Karteikarte, die ihn zum Mitglied der NSDAP erkläre, erscheine ihm »wie ein schlechter Scherz oder ein grotesker Irrtum«, und einen von ihm unterschriebenen Antrag auf Aufnahme in die Partei gebe es nicht. Wie wurde man Parteigenosse? Klärung täte not in dieser aufgeregten Debatte. Hohe Erwartungen begleiten daher den von Wolfgang Benz herausgegebenen Sammelband Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder. Denn tatsächlich ist die Frage trotz jahrzehntelanger Forschung zum »Dritten Reich« noch keineswegs hinreichend untersucht.

Doch hält das Buch nicht, was es verspricht, nämlich »präzise Antworten auf neuerdings viel diskutierte Fragen« zu liefern. Die Aufnahmepraxis in den Gauen, Kreisen und Ortsgruppen der NSDAP bleibt weiterhin ungeklärt. Breiten Raum nehmen indes die – längst bekannte – Geschichte der Partei, ihr Programm, der Apparat und seine Strukturen, die soziale Herkunft der Mitglieder, einzelne Funktionäre und die Entnazifizierung ein; vieles wiederholt sich in den Beiträgen auch. Um die Mitgliedschaft hingegen geht es in nur zwei von zehn Aufsätzen; was dort steht, lässt sich zum Teil schon einem Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte aus dem Jahr 1957 entnehmen: Die NSDAP gab sich nach der Machtübernahme zunächst den Anstrich von Exklusivität und verhängte Aufnahmesperren, die sie später wieder lockerte oder aufhob. Im Krieg, als ein neuer Mitgliederstopp in Kraft trat, durften nur noch die Jungen und die Soldaten beitreten. Nun wurde nach Geburtsjahrgängen erfasst, auch die 17-Jährigen zählten dazu; überhaupt änderte sich das Verfahren viele Male.

Die Debatte drehte und dreht sich um die Frage nach (kollektiven) Aufnahmen aus der Hitler-Jugend, von denen klar ist, dass es sie gegeben hat. Unklar ist, was dies bedeutete. Dazu heißt es im Aufsatz von Armin Nolzen in diesem Band, auf den sich auch das ZEITmagazin bezieht: Ohne eigenes Zutun konnte man nicht NSDAP-Mitglied werden. Zwang habe es nicht gegeben, und wer beigetreten sei, habe den Schritt bewusst getan, denn es habe ein Aufnahmeantrag ausgefüllt und unterschrieben werden müssen.

Letzteres mag in vielen Fällen aus freien Stücken so geschehen sein. Aber war die Norm die ganze Realität? Es ist die schlichte Argumentation entlang detaillierter bürokratischer Soll-Vorschriften, die einen unzufrieden zurücklässt. Denn wäre jenseits der Darlegung der Parteiregularien nicht zu fragen: Wie war die historische Situation in der zweiten Kriegshälfte? Wie kamen die Anträge zustande? Lässt sich eine Systematik erkennen? Was hatte es mit der behördlichen Betonung der Freiwilligkeit auf sich? Welches Interesse verfolgten die HJ-Führer und andere Parteifunktionäre? Wieso soll auszuschließen sein, dass sie für ihre Kameraden nicht »fürsorglich« tätig wurden? Die Sammellisten sind nicht mehr vorhanden – warum soll sicher sein, dass stets die unterschrieben, die »angemeldet« wurden? Antworten auf diese Fragen hat die Forschung bisher nicht.

Und was die Situation der Einschreibungen angeht: Wie stand es mit jugendlichem Geltungsbedürfnis, wie mit Gruppendruck? War es manchen, die demnächst zur Wehrmacht oder zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurden, nicht einfach einerlei? Dass die Masseneinschreibungen und die gerade in der Jugend wachsende Unpopularität der NSDAP zusammenhingen, ist ein Gedanke, dem nachzugehen sich ebenfalls lohnte. Zur Klärung der vielen offenen Fragen trägt dieser Band von Benz kaum bei. Und mancher Aufsatz bietet nicht mehr als gezielte Polemik. Für die zeithistorische Forschung heißt es jedenfalls: zurück auf Anfang.