Es ist so einfach, gut zu sein – Seite 1

Wo stehen Sie eigentlich politisch?, wurde ich gefragt. Ganz einfach, antwortete ich. Mein Platz ist auf der richtigen Seite. Ich bin bei den Guten.

Wie jetzt, die Guten, wie meinen Sie das?

Wenn jemand eine Schweinerei begeht, Korruption, Mord, Schwindel, dann bin ich dagegen. Ich frage nicht, ob diese Person links ist oder rechts, Mann oder Frau, schwarz oder weiß, ich bin einfach dagegen. Der erste Satz meines politischen Programms lautet: Man muss es richtig machen. Wenn zum Beispiel der Staat bankrottgeht, bin ich gegen diejenigen, die den Staat in den Bankrott treiben. Verstehen Sie? Bankrott – das ist einfach nicht gut. Hunger. Armut. Gewalt. Unterdrückung. Ich bin dagegen.

Ehrlich gesagt, da machen Sie es sich ein bisschen einfach.

Wie man’s nimmt. Ich stoße oft auf Unverständnis, bei Ihnen zum Beispiel. Ich muss mich ständig rechtfertigen. Wenn ich sagen würde, ich bin liberal, oder Kommunist, oder konservativ, wäre es unkomplizierter. Wenn ich sagen würde, es geht mir bei allen politischen Fragen immer nur um meinen eigenen Vorteil, gewiss, das würde nicht sympathisch wirken, andererseits aber auch ehrlich, die Leute mögen das. Wenn ich allerdings sage, ich bin gut, reagieren fast alle ablehnend. Sie verstehen das miss. Ich halte ja nicht mich selber für einen besonders guten Menschen, beileibe nicht. Ich meine es politisch.

Sie übersehen, dass man gut und böse, oder richtig und falsch, nicht immer auf den ersten Blick unterscheiden kann.

 

Dies übersehe ich keineswegs. Ich schaue genau hin, mehrfach. Ich lasse mir Zeit. Solange gut und böse, richtig und falsch nicht klar erkennbar sind, bleibe ich neutral. Danach bin ich bei den Guten.

Man muss doch immer abwägen zwischen verschiedenen Zielen, verschiedene Spielarten des Guten können einander widersprechen, begreifen Sie das nicht? Jeder ist gegen Krieg, fast jeder ist gegen Diktatur. Also, führt man Krieg gegen einen Diktator, gegen welchen und wie? Nichtstun ist ebenfalls eine Tat. Saddam. Mugabe. Milošević. Solche Fälle. Da muss man sich zwischen zwei Übeln entscheiden, da muss man eine Meinung haben. Ich mache es absichtlich ganz einfach.

Bleiben Sie doch ruhig, mein Freund! Es ist wirklich einfach. Ich bin, als Mitglied der Guten, natürlich prinzipiell gegen beides, Krieg und Diktatur. Wenn jemand aber einen erfolgreichen Krieg gegen einen Diktator führt, ihn mit überschaubaren Verlusten zu einem befreienden Abschluss bringt, dann hatte er am Ende wohl doch recht. Dann stimme ich ihm nachträglich zu. Wir Guten halten uns nicht für unfehlbar, wir sind keine Prinzipienreiter, wir geben Irrtümer zu. Überheblichkeit und Prinzipienreiterei sind nämlich schlecht. Und, wie Sie sich vielleicht erinnern, wir sind gegen alles Schlechte. Testen Sie mich, mit einer praktischen politischen Frage!

Meinetwegen. Wiedereinführung der Vermögensteuer – ja oder nein, gut oder schlecht? Da geht es um Sachargumente, Bester, um Überzeugungen!

Wenn der Staat mehr Geld zur Verfügung hat, um seine Aufgaben zu erfüllen, und wenn den Armen noch mehr geholfen wird, ist das, aus guter Sicht, gut. Also, ein Ja zur Vermögensteuer. Andererseits ist es schlecht, wenn die Leistungsträger in unserer Gesellschaft entmutigt und vertrieben werden. Deshalb sollte gleichzeitig der Spitzensteuersatz gesenkt werden. Zweimal das Gute. Übrigens sind "Die Guten" dabei, sich als Partei offiziell zu konstituieren, vielleicht schaffen wir es noch zur Bundestagswahl.

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