Zurzeit hat das Museum Abteiberg ein paar Leichen im Keller. Den Unterleib fahl beleuchtet, von Plastikmüllsäcken halb bedeckt, liegen sie in Räumen, deren absolute Schwärze dem Besucher jede Orientierung und mitunter den Atem nimmt. Der Weg zu den drei Toten führt durch einen gewaltigen Trichter, dessen 14 Meter hohe Öffnung wie eine Mischung aus Malewitschs Schwarzem Quadrat und einem Loch im All in der Mönchengladbacher Innenstadt klafft. Nach 60 Metern hat sich der Höllenschlund zu einem kaum meterbreiten Schacht verengt, durch den eine Feuerleiter hinabführt in das niederrheinische Reich des Todes. Nur blind tastend kommt man diesem Kunstwerk näher; "Bitte wägen Sie persönlich ab, ob steile Leitern, enge und/oder völlig verdunkelte Räume ein körperliches oder psychisches Hindernis darstellen", heißt es im Beipackzettel zur Installation. Wer den an der Museumskasse nicht unterschreibt, darf erst gar nicht rein.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

END heißt Gregor Schneiders Installation, die größte, die er bisher gemacht hat. Ein Heimspiel für den Künstler, der 1969 in Rheydt geboren wurde, der Stadt, aus der eine Gebietsreform später Mönchengladbach 2 gemacht hat. Es erfordert Mut, diesen Abstieg in die Unterwelt der eigenen Ängste zu wagen, und Mut ist ein gutes Motto für das gesamte Museum. Denn welche am Rande des Ruins wankende Stadt hätte es gewagt, ihr Prunkstück in den vergangenen Jahren erst für fünf Millionen Euro zu sanieren und dann gleich für die Phobien des Herrn Schneider die makellose Hülle wieder aufzubrechen? Schon der Bau des Museums war ja eigentlich eine Wahnsinnstat, von 1972 an von Hans Hollein ersonnen, im Juni 1982 eröffnet. Eine Art Flugzeugträger wollte der bis dahin kaum bekannte Wiener Architekt am Hang neben dem romanischen Münster vor Anker gehen lassen, und die Stadtväter und -mütter ließen sich auf das Vabanquespiel ein. Dafür bekam Hollein den Pritzker-Preis und die schwächelnde Textilmetropople den Flaggschiffbau der Postmoderne, lange bevor andere, reichere, berühmtere Städte überhaupt daran dachten, sich mittels eines Kunsttempels neu zu erfinden.

Viel ist dann geschimpft worden, dass der verspielte Bau, von Hollein selbstbewusst in Gold signiert, sich selbst genug und der Kunst kein Diener sei. Aber das sind Debatten von gestern, heute hat man gelernt, die Theatralik des Gebäudes für die Inszenierung der städtischen Sammlung zu nutzen. Und die hat jede große Geste mehr als verdient, ist doch auch sie ein Dokument von Mut und Weitsicht der verschiedenen Direktoren, die das knappe öffentliche Geld geschickt einsetzten. So hält die Stadt, die man eigentlich nur wegen ihres Fußballvereins kennt, jenen Stoff bereit, aus dem Museumsbesuchers Träume sind: von feinen expressionistischen Einzelstücken (Jawlensky, Kirchner, Heckel) über Klassiker der Avantgarde (Beuys, Calder, Tinguely, Warhol) bis hin zu den Stars der Gegenwart (Rebecca Horn, Kippenberger, Nauman, Richter, Serra und, und, und) ist alles da. Noch im hintersten Winkel baumeln Kleinode wie ein entzückend filigranes Calder-Mobile einfach so herum, von den allerneuesten Entdeckungen der gegenwärtigen Chefin Susanne Titz klug flankiert.

Selbst der Eigenbrötler Schneider erweist diesem Mut der Provinz mit seinem Riesenschlund eine Reverenz. Am Ende des Parcours (der noch bis zum 6. September begangen werden kann) durch Schwärze und einige angeschlossene Spießbürgerhöllenzimmer aus Schneiders legendärem Haus ur ist der einzige Ausweg ein enger Aufzug, der sich mit dem Geräusch einer Falltür öffnet. Beängstigend rumpelnd setzt er sich in Bewegung, nach oben. Und spuckt den Besucher hinaus ins Helle, hinein in den Oberlichtsaal, wo Sigmar Polkes preisgekrönter Zyklus von der Biennale in Venedig 1986 hängt. Sechs riesige Lackbilder, jedes fünf mal drei Meter groß, die nach dem Albtraum im Keller wirken wie der Vorschein einer besseren Welt. Wild brodelt es auf den Bildern, die Einschlüsse aus Zinnoberkörnern, Grafit, Blattsilber und violettem Pigment schillern geheimnisvoll. Und weil diese Membrane ins Alchimistenreich der Kunst für eine Reise viel zu empfindlich sind und nie ausgeliehen werden, kann man so was wirklich nur hier sehen, in Mönchengladbach hinterm Markt.