Wissenschaftler, die sich aus den Tiefen ihres Fachs ins flache Wasser der Medien begeben, wurden noch vor wenigen Jahren von manchen ihrer Kollegen schief angesehen. Die Forscher schrieben für ihre Peer-Groups; die Übersetzung in verständliches Deutsch sah man als Sache der Journalisten an. Dieser Arbeitsteilung trat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 1999 entgegen, als sie zusammen mit dem Stifterverband für die deutsche Wissenschaft den mit 50.000 Euro dotierten Communicator-Preis auslobte – für Wissenschaftler, die den schwierigen Spagat zwischen seriöser Forschung und publikumswirksamer Vereinfachung auf überzeugende Weise geschafft haben.

Nun wird zum ersten Mal eine Frau ausgezeichnet. Am Dienstag bekommt die Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger den Preis verliehen. Die 52-Jährige ist präsent in Fernsehen und Print. Ihre Thesen zur Bildungsmisere und zur Gleichberechtigung der Geschlechter haben die öffentliche Debatte geprägt. Eine würdige Preisträgerin, daran ändert auch der nörgelnde Einwand nichts, dass die Professorin vor lauter Fernsehinterviews gar nicht mehr zum Forschen komme.

Der Einwand geht deshalb fehl, weil der Anspruch des Preises, wissenschaftliche Exzellenz mit überzeugendem öffentlichen Auftreten zu verbinden, in der Praxis kaum zu erfüllen ist. Wissenschaft zu repräsentieren ist keine Aufgabe, die man zwischen zwei Vorlesungen erledigt, sondern fast ein Fulltime-Job. Es muss ja nicht jeder so weit gehen wie der Astronom Harald Lesch, Communicator-Preisträger 2005, der mittlerweile komplett die Seite gewechselt hat und seine eigene Show im ZDF hat.

Natürlich ist es nicht allein dem Communicator-Preis anzurechnen, dass es die Wissenschaftler zunehmend in die Öffentlichkeit drängt. Dass aus amerikanischen Hochschulen in der Vergangenheit stets die spritzigeren Pressemeldungen kamen, lag nicht nur an der anderen Mentalität der US-Forscher, sondern vor allem am Konkurrenzkampf zwischen den Forschungsinstitutionen, der jenseits des Atlantiks herrscht. Dieser Wettbewerb wächst auch in der deutschen Wissenschaft – um Drittmittel von öffentlichen und privaten Förderern, um Spitzenplätze in den Hochschulrankings.

Der Schritt in die Öffentlichkeit war überfällig. Allerdings müssen sich auch die Medien auf die veränderte Situation einstellen. Der Experte, den man vor die Kamera oder vors Mikrofon holt, ist eben nicht mehr der introvertierte Wissenschaftler, dem man jeden Satz aus der Nase ziehen muss und der nur der hehren Wahrheit verpflichtet ist, sondern immer öfter ein PR-Profi, der wirbt – für seine Hochschule, für die Forscherfraktion, die seine Interpretation der Wirklichkeit teilt, und nicht zuletzt für sich selbst. Der Wissenschaftler in der Öffentlichkeit ist ein von Interessen getriebenes Wesen, genauso wie der Industriemanager oder die Politikerin. Umso kritischer muss daher der Journalist seine eigene Rolle hinterfragen: Er ist nicht Sprachrohr der Wissenschaft, sondern ihr kritischer Beobachter. Insbesondere dann, wenn es nicht nur um reine Forschungsergebnisse geht, sondern um deren Interpretation.

Jutta Allmendinger, so munkelt man, soll in Frank-Walter Steinmeiers Schattenkabinett für Frauen und Familie zuständig sein. Das ist ein Zeichen dafür, dass man Wissenschaftler inzwischen auch politisch ernst nimmt. Gleichzeitig sollte die Nachricht Anlass für die Medien sein, sich einer gesunden Distanz zu vergewissern. "Die Wissenschaft hat festgestellt" – diesen unkritischen Satz wollen wir in Zukunft seltener lesen.

Korrekturhinweis: In der ursprünglichen Fassung des Artikels war ein falscher Termin für die Communicator-Preisverleihung angegeben. Die Verleihung ist/war am Dienstag, den 23. Juni 2009.