Auf dem Hof, der vom backsteinroten Gutshaus und zwei Scheunen gerahmt wird, steht eine große Linde, sie ist aus mehreren Schößlingen zusammengewachsen, um im Wetter zu bestehen. Draußen sind die Zipfel der Decke unterm Gartentisch zusammengeknotet. Auch drinnen hat Janbecks Café etwas gut Durchlüftetes: gelaugte weiße Dielen, Leinenvorhänge, Swing im Hintergrund. Die Leute im Dorf hätten eine Weile gebraucht, um sich an so viel Übersichtlichkeit zu gewöhnen, sagt Uta Janbeck, die offenbar gerne lacht. Sie trägt einen Pferdeschwanz und eine rot-weiß karierte Schürze und serviert Trümmertorte, eine Spezialität der Region, die aussieht, als sei sie vom Teller gerutscht und vom Fußboden wieder aufgeschaufelt worden, ein von Mandelbaiserschollen über Pfirsichsahne hervorgerufener Eindruck. Die Mächtige heißt auch Gewittertorte oder, wenn sie mit Zitronencreme gefüllt ist, Ozean.

Frau Janbeck kennt einen guten Grund für die Blüte der Café-Stuben, denn sie hat selbst Seminare der Landwirtschaftskammer besucht, in denen Landfrauen die betriebswirtschaftlichen Tricks kennenlernen, um kleinen Höfen neue finanzielle Möglichkeiten zu eröffnen: Partyscheune, Hofladen oder Stellplatz für Wohnwagen. Dann lieber backen! Das können die Landfrauen schon. Freundlich sein auch. Gäste zu betüdeln mache ihr großen Spaß, sagt Uta Janbeck. Wir probieren Quarkkuchen mit Pflaumenmus.

Hinter Winnemark biegt man aus der großen Felderwirtschaft ins Kleinteilige ab; ein Wechsel, der die Sinne erfreut wie ein Schnaps nach zu viel Butterkuchen. Der Weg führt hinunter an die Schlei zwischen weißem Wiesenkerbel und gewaltigen Kastanien. Boote segeln auf seidigem Blau. Aus einem Wäldchen weht ein kleiner Schauer Pappelflaum wie Schneegestöber. Hier eine Bank am Wasser, ein Streifen Sand im Schilf, nichts essen, nur schauen und dem Rad den Rücken zukehren; dann weiter über Sieseby, eine Dorfschönheit mit makellosen Fachwerk- und Reetdachhäusern und am Straßenrand geparkten Landrovern, Richtung Holzdorf: Café Grünlund.

Endlich! Birgitt Wüllner sieht aus, wie man sich eine Tortenbäckerin vorstellt: rund. Früher arbeitete sie als Stadtplanerin im Ruhrgebiet, dann wurden sie und Hans Wüllner beim Anblick eines verfallenen Bauernhofs auf der Halbinsel Schwansen von einem Liebesblitz getroffen, der sich zu 20 Jahren Bautätigkeit verlängerte. Nun ist Grünlund genau so geworden, wie sie es sich vorgestellt hatten: leben und arbeiten unter demselben Dach, eine Holzwerkstatt für Hans Wüllner, dessen Skulpturen dem gewellten Land Witz und Dramatik verleihen, und ein Café in der alten Diele, aus dem man sein Tablett auch hinaus auf die Wiese, in eine Weidenlaube oder an den kleinen Teich tragen kann. Von den Landfrauen spricht Frau Wüllner mit Hochachtung: "Die können backen hier! Und feiern! Unglaublich! Nachts um zwölf noch Tortenbufetts!" Ihre eigene Spezialität ist Pfirsich-Maracuja-Torte auf einem Boden, der kein Stäubchen Mehl gesehen hat, nur gemahlene Haselnüsse, Eier und Zucker. Genau das Richtige zum Frühstück. Liegt es an der zunehmenden Schwerkraft oder an der Flucht vor aufkommendem Regen, dass das Rad nun wie von selbst nach Fleckeby und vor das Kunst-Café rollt?

Von hier nahm der allgemeine Backwahn vor 24 Jahren seinen Ausgang, als Gudrun Teuteberg-Tammling das Seiden- und Porzellanmalen aufsteckte und anfing, Sahne zu schlagen. Von außen sieht das Haus im Neubauviertel von Fleckeby ganz unschuldig aus, aber einzutreten heißt, sich von Kunst und Café überwältigen zu lassen; von all den Zutaten aus Porzellan, Silber und Glas, die das Leben zieren, und den anderen, die dick und fröhlich machen. Der ansteckende Erfolg von Frau Teuteberg-Tammling, einer freundlichen Dame im Dirndl, hat vermutlich etwas mit ihrem Streben nach Perfektion zu tun. So habe sie zwei Jahre lang an dem Rezept für ihre berühmte Holunderblüten-Stachelbeer-Torte herumgetüftelt, bis sie ihre gegenwärtige köstliche Darreichungsform erreichte: Bröckchen von geliertem Holunderblütensaft werden in Sahne unter eine Mandelbaiserhaube gebettet.

Hier endet an einem nassen Sonntagnachmittag die Schleswiger Tortenschlacht mit einer Niederlage der Angreifer. Größere Kontingente von Kaffeetanten und Kuchenonkeln haben sich versammelt und ergeben sich mehrmals Mohn-Marzipan-Torte und Rhabarber-Butterstreuel. Aber ist es nicht eigentlich ein süßer Sieg und das Geheimnis allen Ringens? Zu wissen, wann es Zeit ist, sich geschlagen zu geben? Statt gegen die Elemente zu treten, sitzen zu bleiben, in den regenglitzernden Garten hinauszuschauen, wo selbst die Rosen die Köpfe beugen, noch einen Tee zu ordern und am Ende mit dem Taxi nach Hause zu fahren.

Selbst gebackener Kuchen in der guten Stube - stilvoller lassen sich Kalorien kaum genießen

INFORMATION

Cafés: Café Krog, Kirchenholz 13, 24897 Ulsnis, Tel. 04641/98900, www.cafe-krog.de. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 9–18 Uhr