Gipfeltreffen – einmal ganz anders. Wenn sich westliche Staats- und Regierungschefs untereinander oder mit Kollegen aus anderen Weltgegenden treffen, wenn große internationale Konferenzen stattfinden, dann kann man sich als Journalist vor Betreuung, Informationsangebot und mehr oder weniger subtiler Aufmerksamkeitssteuerung kaum retten. Was stattfindet, ist nicht nur Politik, sondern auch Theater, und die Medien vertreten das Publikum.

Nicht so in der Welt der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). Als sich die Präsidenten der Mitgliedsstaaten jetzt im russischen Jekaterinburg zum Gipfeltreffen versammelten, boten sie den Journalisten kaum mehr als ein paar Pressekonferenzen und folgenlose Verlautbarungen. Nicht einmal magere Informationshappen im hastigen Korridorgespräch mit einem Delegationssprecher fallen ab. Die Präsidenten der zentralasiatischen Mitgliedsländer Kasachstan, Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan zogen sich mit ihrer Beraterschar nach den Verhandlungsrunden in die abgesperrten Hotels zurück. Dass die Delegation aus Peking überhaupt eine Pressekonferenz abhielt, erschien als so überraschende Offenheit, dass eine chinesische Korrespondentin ihre Außenpolitiker sogleich verwundert fragte, was denn bei solcher Pressepolitik in Zukunft noch alles zu erwarten sei. Was ist das für eine Organisation, die sich so wenig um die Regeln der Mediengesellschaft schert – obwohl manche Beobachter in ihr ein kommendes Machtzentrum des 21. Jahrhunderts sehen?

Obama hat die Starre der Konfrontation gelockert

Es ist eine seltsame Herrscherschar, die sich als Gast des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew versammelte: aufgeklärte Autokraten und vorzeitliche Diktatoren mit einem Hang zur lebenslangen Herrschaft und politischen Dynastienbildung. Dazu stieß als Beobachter der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad, dessen zweifelhafter Wahlerfolg mit anschließenden Demonstrationen in Teheran in der Nacht zuvor Menschenleben gefordert hatte. Als sich die Teilnehmer zum Abschlussfoto auf der Bühne versammelten, schien eine antiwestliche Phalanx in Stellung zu gehen, geprägt von Feindseligkeit gegen die Vereinigten Staaten oder zumindest der Ablehnung eines allzu starken Amerika. Es gibt strategische Analysen, in denen die SOZ wie eine Anti-Nato erscheint, eine Gegenmacht östlicher Potentaten. Welche Ziele halten ihre Mitgliedsländer wirklich zusammen?

Die Shanghaier Organisation deckt eine Weltregion ab, in der sich tatsächlich die Interessen Chinas und Russlands mit denen der USA, Europas und regionaler Mächte überschneiden. Zentralasien, umgeben von Atommächten und bei den Rohstoffen Energie und Baumwolle ein globaler Wirtschaftsfaktor, ist Schauplatz eines neuen "Great Game", wie im 19. Jahrhundert die Rivalität der Großmächte Russland und Großbritannien genannt wurde – derzeit in Light-Version. Denn Präsident Barack Obama hat vorerst die Starre der geopolitischen Konfrontation in Asien gelöst. Die Großmächte wissen, dass keine von ihnen hier dominieren kann.

Der SOZ geht es vor allem um eine Ausbalancierung der Einflussmächte. Interessen, nicht Werte stehen für ihre Mitgliedsländer und namentlich deren Führer im Mittelpunkt. "Bei der SOZ spielen die regionale Nachbarschaft und gemeinsame Probleme die wichtige Rolle", sagt der Chefredakteur der Zeitschrift Russland in der globalen Politik, Fjodor Lukjanow. "Wenn es überhaupt einen gemeinsamen Wert gibt, dann ist es die Nichteinmischung in die Angelegenheiten der anderen." Die Achtung der Souveränität und territorialen Einheit zählt zu den Grundvokabeln jeder SOZ-Rede, als ob sich die Mitglieder noch ein wenig voreinander fürchteten. Die propagierte Multipolarität gilt nicht nur den USA. Sie soll zugleich andere Mitgliedsstaaten in Schach halten.

Denn die SOZ ist ein Bündnis der nur schwer Vereinbaren, allen voran von China und Russland. Beide Großmächte teilen aus der globalen Perspektive viele Interessen: Sie wollen Zentralasien stabilisieren, den amerikanischen Einfluss begrenzen und militante Islamisten und abtrünnige Völker wie die Uiguren in China unter Kontrolle halten. Aber in den Mikrozielen und bei den eigenen Fähigkeiten stehen China und Russland einander trotz aller Annäherung denkbar fern. "Die Politik, die Interessen und die Entwicklung Russlands und Chinas sind geradezu entgegengesetzt", erklärt Lukjanow. "Höchstens die Abwesenheit des klassischen westlichen Demokratiemodells vereint sie. In China ist das Wirtschaftswachstum Resultat der harten, autoritären Führung. In Russland sind die autoritären Tendenzen dagegen eine Folge des Wachstums und der Notwendigkeit, die Öleinkünfte gezielt zu verteilen."