Der Machtkampf in Iran wird vorerst nicht auf der Straße entschieden, sondern in den Palästen der Macht, dort, wo Männer sitzen, die Ali Chamenei heißen, Mahmud Ahmadineschad, Haschemi Rafsandschani, und andere, deren Namen die Öffentlichkeit kaum kennt. Sie sind Kinder der Revolution, und sie wollen ihr Geschöpf, die Islamische Republik Iran, bewahren. Wie das geschehen kann, darüber ist ein Streit entbrannt.

Mahmud Ahmadineschad, offizieller Wahlsieger der Präsidentenwahlen des 12. Juni, hat seine Antwort schon gegeben. Der Knüppel ist das Mittel, dessen er sich bedient. Hinter Ahmadineschad steht die Hardliner-Fraktion der Revolutionswächter. Es sind kriegserfahrene Männer, die ihren Platz an den Fleischtöpfen verteidigen wollen. Ahmadineschads Männer sind keine Freunde der Mullahs, das Gegenteil ist der Fall. Seine Machtbasis trägt Uniform und nicht den Turban. Der hohe iranische Klerus hat sich in Bezug auf das Wahlergebnis bisher in Schweigen gehüllt oder offen Kritik an Ahmadineschad geäußert.

Trotzdem kann Ahmadineschad im Moment beruhigt sein, denn der Oberste Religiöse Führer des Landes, Ali Chamenei, hat ihn bei seiner Freitagspredigt vor einer Woche offen unterstützt. Chamenei, der durch seine von der Verfassung verliehene absolute Machtfülle eine Schiedsrichterrolle spielen könnte, hat sich zur Partei gemacht. Er polarisierte. Die Frage ist, warum?

Darauf gibt es zwei mögliche Antworten. Chamenei fürchtet, dass jedes Nachgeben das gesamte System zum Einsturz brächte. Öffnete er auch nur einen Spalt in dem fest gefügten Revolutionsgebäude, fiele es zusammen wie ein Kartenhaus. Die zweite mögliche Antwort ist, dass Chamenei in seinem Handeln nicht mehr frei ist, sondern schon zu einer Geisel Ahmadineschads und seiner Leute geworden ist.

Die Wahlmanipulationen und die jetzige Niederschlagung des Aufstandes lassen sich als schleichenden Staatsstreich beschreiben. Wenn Ahmadineschad durchkommt, wird die Islamische Republik de facto zu einem Einparteienstaat. Die Partei Gottes wird regieren, und alle demokratischen Elemente, die es bisher noch gegeben hat, werden vollkommen ausgehöhlt sein.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der alte Revolutionär Haschemi Rafsandschani der Mann ist, der die Selbstisolation Irans noch abwenden könnte. Rafsandschani ist der Todfeind von Ahmadineschad, nicht so sehr aus ideologischen Gründen, sondern aus interessenpolitischen. Im Lauf seiner langen Karriere hat sich Rafsandschani vom revolutionären Hardliner zu einem Mann entwickelt, der weiß, dass Iran sich öffnen muss – schon allein um der Geschäfte willen, die Rafsandschani im Übrigen gewinnbringend zu betreiben weiß.