Der Ruf nach Entschleunigung, so hörte man noch vor Kurzem, sei die Ideologie der Modernisierungsverlierer, die sich nach langsameren Zeiten zurücksehnten. Verlangsamung sei attraktiv für diejenigen, die sich dem neuen Tempo nicht anpassen könnten, ansonsten aber schädlich für die weitere Modernisierung der Gesellschaft. Das allerdings ist ein Irrtum: Systematische Entschleunigung ist funktionsnotwendig für die Erhaltung moderner Gesellschaften. Der auf Beschleunigung der Kapitalumschlaggeschwindigkeit gerichtete Kapitalismus bedarf entgegengerichteter Beharrungskräfte und stabilitätssichernder Institutionen, er braucht auch Abbremsvorrichtungen zum Schutz vor überhitzenden Transaktionsgeschwindigkeiten. Was passiert, wenn diese bestandsnotwendige Voraussetzung verletzt wird, lässt sich trefflich an der Finanzmarktkrise studieren.

Beschleunigung ist der modernen Gesellschaft strukturell und kulturell eingeschrieben. Eine solche Gesellschaft stabilisiert sich dynamisch, das heißt, sie funktioniert so lange reibungslos, wie sie Bewegung und Steigerung aufrechterhalten kann. Dynamische Entwicklung ist jedoch nur so lange möglich, wie sie sich vor einem stabilen Hintergrund vollzieht, der Risiken kalkulierbar macht, Planung erlaubt und so langfristige Investitionen ermöglicht. Diese Stabilitätsbedingungen wurden im 20. Jahrhundert durch Demokratie, Rechts- und Sozialstaat geschaffen und politisch gewährleistet.

Die größte Gefahr der Beschleunigungsgesellschaft liegt in ungeplanten Prozessen der Desynchronisation, das heißt der zeitlichen Entkoppelung: Nicht alle Sozialsphären lassen sich in gleichem Maße beschleunigen. Politische Prozesse, demokratische zumal, sind beispielsweise notgedrungen zeitaufwendig. Demokratische Willensbildung und Entscheidungsfindung, die auf der Organisation und Artikulation der öffentlichen Meinung, auf sorgsamer Abwägung der Argumente und auf Konsensfindung beruhen, werden sogar langsamer, je komplexer und dynamischer die Gesellschaft wird. Daher hat die Politik in den vergangenen Jahrzehnten ihre klassisch-moderne Rolle als Schrittmacher sozialer Entwicklung verloren. Verzweifelt versucht sie, Feuer zu löschen und das Schlimmste zu verhindern. Doch ihr Gestaltungsanspruch verblasst.

Die westlichen Gesellschaften haben auf diese Krise mit dem Versuch reagiert, das politische Beschleunigungshemmnis für die ökonomische Entwicklung zu beseitigen – meist durch Deregulierung und Privatisierung, durch Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, durch Entbürokratisierung und Flexibilisierung. Markt und Wettbewerb sollten schneller und effizienter regeln, was die Politik nicht mehr steuern konnte. Neoliberale Politik erwies sich als eine Politik zur Entfernung sozialer Bremsen durch Preisgabe des demokratischen Steuerungsanspruches.

Das System belohnt die Kurzsichtigkeit der Manager

Die Wirkung zeigte sich insbesondere auf den Finanzmärkten, die seit der Erosion des Bretton-Woods-Abkommens Anfang der 1970er Jahre mit immer weniger Bremskraft und schließlich fast ganz ohne Bremse fuhren. Was sich beschleunigen lässt, hat der Turbokapitalismus beschleunigt, und als in besonderem Maße akzelerationsfähig erwiesen sich die Finanz- und Kapitalströme, der Geldkreislauf. Die Umstellung vom Modell des Rheinischen Kapitalismus auf den mit kurzfristigen Bilanzen und Horizonten operierenden angelsächsischen Kapitalismus, das Prinzip des Investmentbankings, in dem es darum geht, in immer kürzeren Zeiten immer höhere Profite zu realisieren und dabei ein Anreizsystem für Manager und Banken zu schaffen, das extreme Kurzsichtigkeit prämiert, die Beseitigung transaktionshemmender politischer Interventions- und Steuerungsinstrumente: Sie alle dienten dem Zweck, die Kapitalumschlaggeschwindigkeit zu erhöhen. So steigerte sich die durchschnittliche Umschlaggeschwindigkeit von Aktien an der New Yorker Börse zwischen 1960 und 2005 um das Zehnfache. Durch den Verzicht der Politik auf steuernde und kontrollierende Intervention wurde das Desynchronisationsproblem zwischen politischer Entscheidung und ökonomischem Tempo eindeutig zugunsten des Letzteren gelöst: Die Finanzmärkte hatten zuletzt praktisch keine »Reibungsverluste« mehr zu befürchten.

Wie sich indessen rasch zeigte, entstand nun eine neue, höchst verhängnisvolle zeitliche Kluft: Während sich die Kapitalumschlaggeschwindigkeit über finanzielle Transaktionen nach dem Code zahlen/nicht zahlen nahezu beliebig und bis zur Lichtgeschwindigkeit steigern lässt, gilt das für reale Produktions- und Konsumtionsprozesse keineswegs. Diese sind unaufhebbar zeitaufwendig, und in vielen Bereichen hat es den Anschein, als seien die Geschwindigkeitsgrenzen erreicht und die Märkte gesättigt. Infolgedessen kam es zu einer heute viel beklagten neuen Desynchronisation, derjenigen zwischen turbobeschleunigten Finanzmärkten und »abgehängter« Realökonomie. Finanztransaktionen in schwindelerregendem Tempo ermöglichten Gewinne in ungeahnter Höhe und Managerboni, die gar nicht mehr »real konsumiert« werden konnten, sondern stattdessen in Vermögenswerte investiert wurden.

Während die Finanzmärkte riesige Gewinnspannen realisierten, steigerte sich die Realproduktion in den westlichen Industriestaaten kaum mehr – man vermutet, dass bis zu 40 Prozent des (gegenüber den Finanzmarktgewinnen ohnehin geringen) Wirtschaftswachstums ein Scheinwachstum waren, das auf dem Handel von Finanzprodukten und Vermögenstiteln beruhte und keinerlei Beziehung zum Markt der Güter und Dienstleistungen hatte. So wie der Turbokapitalismus die Beschleunigungsgrenzen der Realproduktion durch Virtualisierung zu überwinden schien, so gelang es ihm auch, die Geschwindigkeitsgrenzen der Realkonsumtion zu ignorieren: Nicht nur die Produktion von Gütern und Dienstleistungen ist zeitaufwendig, sondern auch deren Verbrauch. Auch er lässt sich nicht beliebig beschleunigen.