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Linz im Glück

Die Frage, wie man eigentlich europäische Kulturhauptstadt wird, wäre natürlich auch interessant, aber hier bleibt sie unbeantwortet zugunsten einer praktischen Betrachtung. Linz darf sich im Jahr 2009 mit dem Titel schmücken, und zur Halbzeit wäre es doch schön zu erfahren, wie sich das anfühlt an Ort und Stelle.

Der erste Eindruck nach dem erfolgreichen Verlassen des Flughafens (dazu später mehr) ist der einer Stadt im Glück. 72 Millionen Euro aus verschiedenen Quellen fließen in die 220 Projekte von "Linz09". Zwölf Monate lang Kultur an allen Ecken und Enden, von morgens früh bis tief in die Nacht.

Als zuvor noch nie in Linz gewesener Kulturhauptstadtgast fühlt man sich gleich wohl, so unterhaltsam ist das Gebotene. Man schlendert durch die Gassen und lässt sich einfangen von den abwegigsten Ideen. Woche um Woche beginnen neue Serien, Symposien und Schauen, und ständig geht etwas vorbei. So erinnert das Festival an einen Fluss. Gäste im Juni erleben etwas anderes als Gäste im September. Das Konzept zieht. Die Linzer Hotellerie verzeichnet für den Mai 2009 ein Viertel mehr Übernachtungen als in der gleichen Zeit des Vorjahres, und das mitten in der Wirtschaftskrise.

Linz, drittgrößte Stadt Österreichs, 190000 Einwohner, besteht im Altstadtkern aus einer Shoppingmeile, der Landstraße, von der hübsche Gassen abzweigen. Zu Fuß ist alles zu erreichen, die Kirchen mit den nachmittäglichen "Orgelstationen", die temporäre "Buchhaltestelle", die zur Weitergabe interessanter Lektüre lädt.

Zu Fuß steigt man auch vom Offenen Kulturhaus über eine hölzerne Außentreppe hinauf aufs Dach eines benachbarten Parkhauses. Dies ist das Projekt "Höhenrausch". Ein von der baskischen Künstlerin Maider López umlackiertes Riesenrad erhebt sich hoch über die Stadt, und bei der Fahrt in grünen Schüsseln unter roten Hauben sollte man lieber nicht in den Abgrund der Fußgängerzone hinuntersehen.

Über andere Dächer hinweg führt der Holzsteg, den ein japanisches Architektenduo aus London entworfen hat, zum Heilkräuterbeet auf der Ursulinenkirche. Die taiwanesische Künstlerin Mali Wu will hier Himmel und Erde zusammenbringen.

Weiter unten, im Offenen Kulturhaus, lief letztens das Filmfestival Crossing Europe, das gleich zur Eröffnung jene Streifen zeigte, die jetzt in den Kinos Furore machen. Maren Ades Dreißigjährigen-Beziehungskiste Alle anderen oder das umgekehrte Schweizer Roadmovie Home, dessen tragische Heldin (Isabelle Huppert) in ihrem Haus an einer neu gebauten Autobahn verharrt, bis sie der Verkehr in den Wahnsinn treibt.