Linz war Hitlers Steckenpferd in Berlin. Noch im Bunker im April 1945 beugte er sich gern über das Architekturmodell seiner "Führerstadt". Man hat für Linz09 von den Brückenkopfbauten Putz abschlagen lassen zur Erinnerung an die Zwangsarbeiter aus dem nahen KZ Mauthausen.

Hitler hat Linz auch die Hermann-Göring-Werke beschert. Sie stellten Sprengstoff und Stahl her; was man so brauchte, um den Kontinent in Schutt und Asche zu legen. Linz wurde dann selbst zu 75 Prozent zerstört, es traf hauptsächlich die Industrie. Die Russen standen bis 1955 auf der einen Seite des Flusses, die Amerikaner auf der anderen.

Der Wiederaufbau dauerte, schließlich brachte das Stahlwerk den Aufschwung. Heute hat das als Voestalpine AG firmierende, international agierende Unternehmen mehr Arbeitsplätze als Linz Einwohner. Zwischendurch aber gab es jahrzehntelang dicke Luft. Die Sichtweite in der Stadt betrug an schlechten Tagen nur wenige Meter. Habe man einen Säugling im Kinderwagen auf den Balkon gestellt, so wird erzählt, sei er nach einer halben Stunde als Negerkind wieder hereingekommen. Erhard Gstöttner von den OÖN kolportiert genüsslich das Bonmot des Vorgängers vom jetzigen Bürgermeister: "Was wollt’s denn? In der Sahara staubt’s auch!"

Der Stahl hat Linz Wohlstand gebracht und seinen Ruf ramponiert. Wenn Pia Leydolt, die Pressesprecherin von Linz09, daheim in Wien erzählt, sie wohne jetzt in Linz, dann weiß sie, "die schütteln alle den Kopf".

Dabei ist die Luft inzwischen wunderbar, aufwendigen Filtern sei Dank, und das Steuergeld sprudelt trotzdem noch, Spezialistentum macht es möglich. Der Wohlstand der Stadt hat in ambitionierten Gebäuden zur Form gefunden. Vor einigen Jahren kam das Kunstmuseum Lentos, das wie ein futuristisches Tor zur Stadt am Flussufer steht. Zu Anfang dieses Jahres kam der Neubau des Ars Electronica Centers, dessen psychedelisch wabernde Leuchtdiodenfassade allein acht Millionen Euro gekostet hat.

Am ersten Juliwochenende soll noch der Südflügel des 400 Jahre alten Linzer Schlosses hinzukommen, hoch über der Stadt, wieder aufgebaut und eröffnet 209 Jahre nach dem großen Brand. Er wird nicht originalgetreu restauriert, sondern ortstypisch ergänzt: mit 900 Tonnen Stahl und reichlich Glas.

Diese architektonische Entscheidung, die unabhängig von Linz09 getroffen wurde, stößt bei den Einheimischen nicht auf Begeisterung. Die Meinungen seien halbe-halbe, sagt der Koordinator des Projektes, Harald Janko. Im Falle einer historisierenden Lösung wäre das aber genauso, "nur andersherum".

Die Verantwortlichen in der Stadt haben einen Sinn für kühne Bauten. Was ihnen nicht so gut gelingt, ist das Leben hinter der Fassade. Das Ars Electronica Center sieht cool aus, wirkt drinnen aber eher wie ein Mitmachmuseum für pubertierende Jugendliche auf Klassenfahrt. Ähnlich das Lentos Museum. Von draußen eindrucksvoll, aber zum Kulturhauptstadtjahr zeigt es nichts aus dem eigenen Bestand, sondern die Bettelkollektion Best of Austria, für die etliche Museumsdirektoren im Land um jeweils drei Leihgaben ihres Hauses gebeten wurden.

Zusammen kam ein Sammelsurium, das von dem Spiral Doughnut des Dänen Olafur Eliasson bis hin zum Erotischen Testament des Wiener Aktionisten Günter Brus reicht. Eine Schau, die man allenfalls ironisch ausdeuten kann. Sie illustriert auf durchaus unfreiwillige Weise, an was es in Linz fehlt.