Ich treffe ihn in der Umkleidekabine des Camp Nou in Barcelona , eines der größten Stadien der Welt. Von den Rängen aus gesehen ist Messi ein kleiner Fleck, unkontrollierbar und blitzschnell. Von Nahem gesehen ist er ein schmächtiger, aber zäher Junge, äußerst schüchtern, fast flüsternd spricht er einen argentinischen Singsang, das Gesicht lieblich und glatt und ohne ein einziges Barthaar.

Lionel Messi ist der kleinste lebende Fußballchampion. La Pulga, der Floh, lautet sein Spitzname. Er hat die Statur und den Körper eines Kindes. Und tatsächlich hörte er als Kind, ungefähr mit zehn Jahren, auf zu wachsen. Die Beine der anderen wurden länger, auch die Hände, ihre Stimmen veränderten sich. Lionel aber blieb klein. Irgendwas stimmte nicht, das bestätigten auch die Laboruntersuchungen: Mit dem Wachstumshormon war etwas nicht in Ordnung. Wie sich herausstellte, litt Messi an einer seltenen Form von Kleinwüchsigkeit. Zusammen mit dem Wachstumshormon war auch alles andere blockiert. Es war unmöglich, das Problem zu vertuschen. Die Freunde auf dem Fußballplatz merkten, dass Lionel stehen geblieben war. "Ich war immer der Kleinste von allen, was immer ich tat, wo immer ich hinging." Genauso redeten sie: "Lionel ist stehen geblieben." Als wäre er irgendwo auf der Strecke zurückgeblieben.

Mit elf bringt er es auf knapp einen Meter vierzig, das Hemd der Newell’s Old Boys, seiner Mannschaft im argentinischen Rosario, ist ihm viel zu groß. Er schwimmt in seinen Schuhen, so straff er die Schnürsenkel auch zieht, wie in Pantoffeln. Er ist ein phänomenaler Spieler, aber mit dem Körper eines achtjährigen Knirpses, nicht mit dem eines Heranwachsenden.

Ausgerechnet in einem Alter, in dem man, mit Blick auf die Zukunft, das Talent zum Wachsen bringen will, bleibt das primäre Wachstum, das der Arme, Beine, des Rumpfs, einfach stehen. Für Messi ist dies das Ende aller Hoffnungen, die er seit seinem allerersten Auftritt auf einem Fußballplatz mit fünf Jahren hegt. Er spürt, dass mit dem Ende des Wachstums auch alles andere beendet ist, alles, was er werden wollte. Da aber besinnen sich die Ärzte, dass man sein Defizit vielleicht beheben könnte, wenn man es rechtzeitig bekämpft. Die einzig mögliche Maßnahme besteht in einer Hormontherapie mit dem Hormon GH: einem jahrelangen Bombardement, mit dessen Hilfe er die Zentimeter aufholen könnte, die er braucht, um mit den Kolossen des modernen Fußballs Schritt halten zu können. Die Kur ist außerordentlich kostspielig, viel zu kostspielig für die Familie: 900 Dollar im Monat kostet die Behandlung. Fußball spielen, um zu wachsen, wachsen, um Fußball zu spielen: Das wird von nun an der einzige Weg.

Während eines Spiels fällt er einem Beobachter auf. Beobachter sind alles im Leben von Fußballern. Mit jedem Spiel, das sie sich ansehen, mit jedem Jüngelchen, dessen Entwicklung sie zu verfolgen beschließen, mit jedem Vater, den sie zu sprechen wünschen, entscheiden sie über ein Schicksal. In den meisten Fällen öffnen sie jungen Spielern damit Türen, aber das, was sie Messi anzubieten haben, ist doch sehr viel mehr. Sie ermöglichen es ihm nicht nur, Fußballer zu werden, sie geben ihm auch die Gesundheit zurück.

"Es genügten fünf Minuten, um zu sehen, dass dieser hier auserwählt ist. Sofort war klar, was das für ein besonderer Junge ist." So spricht Carles Rexach, Sportdirektor des FC Barcelona, nachdem er Lionel auf dem Platz gesehen hat. Es ist offensichtlich, dass Messi ein einzigartiges Talent in seinen Füßen hat, etwas, das über den Fußball hinausgeht. Wenn man ihm beim Spielen zusieht, ist es, als höre man Musik, als kehrte in einem durcheinandergeratenen Mosaik jedes Steinchen an seinen Platz zurück.

Rexach will ihn sofort haben: "Wer immer dort vorbeigekommen wäre, hätte ihn sofort mit Gold aufgewogen." Sie schließen einen Vertrag auf einem Fetzchen Papier, einer Serviette von der Kioskbar. Es unterschreiben Rexach und der Vater des Flohs. Dieses Papierfetzchen wird Lionels Leben verändern. Der FC Barcelona glaubt an dieses ewige Kind. Der Klub beschließt, für die Kosten jenes verdammten Hormons aufzukommen, das sich verheddert hat. Doch um sich behandeln zu lassen, muss Lionel nach Spanien übersiedeln, mitsamt der ganzen Familie, den beiden Eltern und den drei Geschwistern, die nun mit ihm von Rosario wegzieht, ohne Dokumente, ohne Arbeit, im festen Vertrauen auf einen Vertrag, der auf eine Papierserviette gekritzelt wurde, und in der Hoffnung, dass in diesem kindlichen Körper tatsächlich ihr aller Glück verborgen liegen könnte. Im Jahr 2000 garantiert der Klub Messi für die Dauer von drei Jahren jede notwendige medizinische Unterstützung. Man ist der Meinung, dass einer, der entschlossen ist, sich mithilfe des Fußballs aus der Hölle herauszuarbeiten, jenen raren Treibstoff in sich trägt, der ihn jedes beliebige Ziel erreichen lässt.

Die Behandlung aber schlaucht fürchterlich. Ständig ist einem übel, man speit sich die Seele aus dem Leib. Die Muskeln fühlen sich an, als müssten sie platzen, die Knochen, als würden sie zerbersten. In wenigen Monaten wird alles am Körper länger und weitet sich in einem Ausmaß, für das eigentlich Jahre vorgesehen sind. "Ich konnte mir keine Schmerzen erlauben", sagt Messi, "ich konnte sie vor meinem neuen Klub nicht zeigen. Denn ihm verdanke ich doch alles." Es liegt ein abgrundtiefer Unterschied zwischen jenen, die ihr Talent benutzen, um sich selbst zu verwirklichen, und jenen, für die alles davon abhängt. Die Kunst ist dann das Leben, aber nicht in dem Sinn, dass sie alles um einen herum ergreift, sondern so, dass nur die Kunst einem eine Zukunft gibt. Ein Plan B existiert nicht, es gibt keinerlei Alternative, auf die man zurückgreifen könnte.