Nach drei Jahren will der FC Barcelona Lionel Messi endlich einsetzen, und die Familie weiß, wenn er es jetzt nicht schafft, so zu spielen, wie man es von ihm erwartet, wird es für alles Weitere unüberwindbare Schwierigkeiten geben. In Argentinien haben sie alles verloren, in Spanien haben sie noch nichts gewonnen. Doch als der Floh zu spielen beginnt, verfliegt jede Angst. Durch hartes Training, unterstützt von der Mannschaft, gelingt es Messi, nicht nur an Bravour, sondern auch an Körpergröße zu gewinnen, Jahr um Jahr, Zentimeter um Zentimeter. Jeder gewonnene Zentimeter ist erlitten, wie aus dem Innern der Muskeln und Knochen heraus getrieben.

Keiner weiß genau, wie viel er heute misst. Die meisten geben ihm 1,69 Meter, andere etwas weniger, wieder andere behaupten, Messi sei nun bei eins sechzig angelangt und wachse noch immer. Die offiziellen Angaben schwanken, sie gewähren ihm nach und nach ein paar Zentimeter mehr, als handle es sich um ein Verdienst, um einen Preis, den er sich auf dem Platz erspielt hat. Tatsache ist, dass kurz vor dem Anpfiff, wenn beide Mannschaften sich in Reih und Glied gegenüberstehen, die Köpfe der Spieler sich alle mehr oder minder auf der gleichen Höhe befinden. Nur um Messis Gesicht zu erspähen, muss man den Blick senken, bis etwa auf Schulterhöhe seiner Kameraden.

Tatsächlich kommt ihm keiner hinterher. Sein Schwerpunkt liegt tief, die Verteidiger versuchen, ihn umzustoßen, aber er fällt nicht und wankt nicht. Er setzt seinen Lauf fort, schießt den Ball vor sich her, bleibt nicht stehen, dribbelt, überholt, schlüpft davon, flieht, täuscht. Er ist nicht zu stoppen. In Barcelona spottet man, Roberto Carlos und Fabio Cannavaro, die beiden einstigen Starverteidiger von Real Madrid , hätten Lionel Messi noch nie ins Gesicht geblickt, einfach weil es ihnen nie gelungen sei, ihn einzuholen. Lionel ist superschnell, er flitzt davon mit seinen kleinen Füßen, die den Ball festhalten und jede Bewegung kontrollieren, als seien sie Hände. Durch seine Täuschungsmanöver stolpern seine Gegner über ihre eigenen Füße in der nutzlosen Größe 45.

Messi zuzusehen bedeutet, etwas zu sehen, das weit über den Fußball hinausgeht und das mit der Schönheit selbst zusammenfällt. Etwas, das einem Schwung gleicht, fast einem Schauer der Erkenntnis, einer Epiphanie, die denjenigen, der dort sitzt und ihm zusieht, wie er um den Ball herumtänzelt und -trippelt, mit ihm verschmelzen lässt. Der Beobachter spürt keinen Unterschied mehr zwischen sich und dem Spiel, sondern taucht ganz hinein und fühlt sich eins mit diesen eckigen, aber harmonischen Bewegungen. Darin ist Messis Spiel vergleichbar mit dem Klavierspiel von Arturo Benedetti Michelangeli, mit den Bildern Raffaels, den mathematischen Formeln der Spieltheorie John Nashs, die weit mehr sind als Klang, Farbe, Logik – sie üben eine hypnotische Wirkung aus. Genauso ist es, wenn man Messi erstmals beobachtet: Man ist unweigerlich erschüttert, es ist, als erahne man sich selbst. Als blicke man in seine eigene Tiefe.

Schon wenn man nur zuhört, wie die Sportjournalisten Messis Bravourstückchen kommentieren, wird klar, was für ein kunstvoller Jongleur er ist. Während eines Spiels zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid, bei dem die Gegner ihn unablässig zu foulen versuchten, hörte der Kommentator auf, das Spiel zu kommentieren, und stieß nur noch begeistert hervor: "Und er fällt nicht, er fällt nicht, er fääällt niiicht!" Bei einer weiteren Begegnung zwischen den beiden historischen Erzrivalen wurde dem ekstatischen Schlachtruf "Messi, Messi, Messi" ein "a" hinzugefügt, das von nun an dort bleiben sollte: Messia. Das ist der zweite Spitzname, den "der Floh" sich durch die spöttische Grazie seiner Vorstöße eingehandelt hat.

Sein Spiel erweckt ein fast mystisches Staunen. "Und der Mensch wurde Gott und sandte seinen Propheten", so lautet das Leitmotiv einer Fernsehsendung, die El Mesías gewidmet ist – jenem Messias, der ihm, als göttliche Inkarnation des Fußballs, vorangegangen ist: Diego Armando Maradona. Man kann es kaum glauben, aber Messi hat, wenn er spielt, Maradonas Pässe im Kopf, so wie ein Schachspieler sich in bestimmten Momenten von den Lösungen eines Großmeisters leiten lässt, die dieser in einer vergleichbaren Spielsituation anwandte. Jenen Treffer, den Diego Maradona am 22. Juni 1986 in Mexiko erzielte und der als das Tor des Jahrhunderts angesehen wird, konnte Messi in praktisch identischer Form zwanzig Jahre später, am 18. April 2007, in Barcelona wiederholen. Auch Lionel startet in einer Torentfernung von circa sechzig Metern, auch er umrundet in einem einzigen Lauf zwei Gegenspieler, dann beschleunigt er in Richtung Strafraum, wo einer der Gegner, die er überholt hat, noch versucht, ihn zu Fall zu bringen, aber vergebens. Drei Verteidiger drängen sich um Messi herum, doch er, anstatt auf das Tor zu zielen, schlüpft nach rechts davon, umdribbelt den Torwart und einen weiteren Spieler … und trifft. Nach dem Torschuss ein Bild der Fassungslosigkeit, die Spieler des FC Barcelona sind wie versteinert, sie fassen sich an den Kopf und sehen sich um, als könnten sie nicht glauben, dass sie noch einmal ein solches Tor erleben durften.

Als Maradona das Tor in Mexiko schoss, war Messi noch nicht einmal geboren. Erst 1987 kam er zur Welt. Und der Grund, weshalb ich zu ihm nach Barcelona gereist bin, weshalb ich ihn treffen will, ist ebender: weil ich in Neapel mit dem Mythos des Diego Armando Maradona aufgewachsen bin. Nie werde ich jenes Spiel der Weltmeisterschaft 1990 vergessen, als ein grausames Schicksal es wollte, dass die damalige italienische Mannschaft eines Azeglio Vicini und eines Totò Schillaci das Halbfinale gegen das Argentinien eines Maradona austragen musste, ausgerechnet im neapolitanischen Stadio Sao Paolo. Als Schillaci das erste Tor schießt, reagiert das Stadion freudig. Aber man spürt, dass in den Fankurven irgendetwas nicht stimmt. Nach dem Tor von Cannigia beginnen die nichtneapolitanischen, nichteinheimischen Schlachtrufe sich gegen Maradona zu kehren, und nun geschieht etwas, das es in der Fußballgeschichte noch nie gegeben hat und wohl auch nie wieder geben wird: Die Stimmung wendet sich gegen die eigene Nationalmannschaft. Die Fans der neapolitanischen Kurve brüllen: "Diego! Diego!" Sie waren ja gewohnt, ihn zu rufen, wie sollte man sie dafür tadeln, und wie sollten sie sich plötzlich nicht mehr mit ihm identifizieren? Es war Maradona gelungen, die Logik der Parteiergreifung auf den Kopf zu stellen.

Ich erinnere mich sehr gut an jene Tage. Ich war etwa elf Jahre alt, und diese Art Fußball werde ich wohl kaum je wieder erleben. Und doch scheint etwas von damals zurückzukehren. Das Tor von Mexiko im Spiel gegen England und das Tor, das der Floh zwanzig Jahre später schoss, besiegeln einen der unvergesslichen Augenblicke meiner Kindheit. Ich stelle mir vor, wie wunderbar, wie schwindelerregend es wäre, Messi im Stadio Sao Paolo spielen zu sehen, ihn, von dem derselbe Maradona sagte: "Messi spielen sehen ist besser als Sex haben." Und Diego versteht etwas von beidem.