Ein Nano-Toter würde ausreichen, um das ganze Geschäft zu verderben

Dass eine neue Technik sich der Bevölkerung nicht sofort erschließt, ist allerdings nichts Ungewöhnliches. Im Fall der Grünen Gentechnik gelang es Verbraucherschutzorganisationen und Umweltverbänden trotzdem, die Ängste der Bürger zu wecken und eine breite Diskussion loszutreten. Die Industrie kann sich eigentlich darüber freuen, dass eine ähnlich emotionale Debatte zur Nanotechnologie bisher ausgeblieben ist. Andererseits lebt sie, ebenso wie Politik und Wissenschaft, in ständiger Sorge, dass ein Störfall die Stimmung in der Bevölkerung kippen lassen könnte. So unwahrscheinlich dieses Szenario ist – der erste "Nano-Tote" in den Boulevardblättern würde ausreichen, um mit der Nanotechnologie einen wichtigen deutschen Forschungs- und Industriezweig in die Kritik zu bringen – mit der Gefahr, das Geschäft zusammenbrechen zu lassen.

Die Verwirrung über den Begriff macht die Gefahr noch größer: Einen Zwischenfall in der Lebensmittelindustrie könnte die Bevölkerung im Moment kaum von den Anwendungen in der Medizin unterscheiden, obwohl in beiden Bereichen völlig verschiedene Partikel zum Einsatz kommen. Ähnlich wie bei der Grünen Gentechnik könnte ein Stimmungsumschwung deshalb dazu führen, dass die gesamte Nanotechnik bei den Bürgern in Verruf gerät.

Das wollen alle Beteiligten unbedingt vermeiden. "Deshalb gibt es Institutionen wie die Nano-Kommission, die wie ein Radar funktionieren", erklärt Alfred Nordmann, Wissenschaftsphilosoph im Nanobüro der Technischen Universität Darmstadt. "Sie sind ein sensibles Messinstrument für Schwankungen in der öffentlichen Meinung." Um mögliche Risiken der Nanotechnologie frühzeitig zu erkennen, finanzierten Industrie und Staat von Anfang an gemeinsame Begleitforschungsprojekte wie NanoCare. Das Ergebnis dieses Schulterschlusses ist auf der Abschlusskonferenz in Berlin zu begutachten: Es herrscht Kuschelstimmung. Harald Krug, bis vor Kurzem noch Toxikologe am Helmholtz-Forschungszentrum Karlsruhe, dankt den "Partnern aus der Industrie" für die gute Zusammenarbeit. Die allgemeine Zufriedenheit ist so groß, dass sogar die Protestprofis ganz zahm werden: Da steht ein Vertreter des Freiburger Öko-Instituts auf dem Podium friedlich neben BASF- und Degussa-Leuten, und einer nach dem anderen lobt artig das gerade abgeschlossene Projekt. Selbst die Naturschutzorganisation BUND ist mit von der Partie, kein Gedanke daran, die Bevölkerung gegen die Nanotechnologie zu mobilisieren. "Das alles bringt uns die schöne neue Nanowelt", schreibt der Umweltverband in einer gerade erschienenen Broschüre zum Thema.

Offensichtlich sind also alle zufrieden: die Industrie, die Politik, die Wissenschaft und sogar die Umweltschützer. Weil alle von Anfang an gute Absichten hatten, kann keiner dem anderen bösen Willen vorwerfen. Die Diskussion in den Expertengremien läuft so glatt, dass man auf eine ketzerische Idee kommen könnte: Braucht es die Stimme der Bevölkerung in diesem Prozess vielleicht gar nicht mehr?

Nano in der Medizin ja, im Essen bitte nicht!

Das jedoch wäre ein gefährlicher Trugschluss. Willenlos sind die Bürger nämlich keineswegs, sofern sie über die Nanotechnologie in den Grundzügen Bescheid wissen. Ablesen lässt sich das unter anderem an der BfR-Umfrage: Darin äußerten sich die Teilnehmer zu manchen Anwendungen positiv, zu anderen aber äußerst distanziert. Besonders ablehnend stehen die deutschen Bürger Nanopartikeln in ihrem Essen gegenüber. "Wer den Verbraucher von Hightech-Food überzeugen will, muss ihm erst einmal eine Qualitätsverbesserung nachweisen", sagt Wolf-Michael Catenhusen, der langjährige Vorsitzende der Nano-Kommission.

Wo ein konkreter Nutzen erkennbar ist, etwa bei kratzfesten Oberflächen oder in der Medizin, bewerteten die Befragten die Nanotechnologie dagegen positiv. Eine unübersehbare Parallele zur Gentechnik: Während offensichtlich nützliche Produkte wie gentechnisch hergestellte Medikamente ohne Murren akzeptiert werden, hat die Industrie es offenbar nicht geschafft, die Bevölkerung vom Nutzen genmodifizierter Lebensmittel zu überzeugen – heftige bis hysterische Ablehnung ist die Folge.

Wichtig wäre also eine öffentliche Diskussion darüber, welche Anwendungen der Nanotechnologie die Gesellschaft wirklich für nötig hält. "Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob wir unsere limitierten Silbervorräte unbedingt für nicht stinkende Socken verwenden müssen", spottet Stefan Scholz vom Umweltforschungszentrum Leipzig-Halle.