Eigentlich wollen sie ausgelassen feiern. Die vergangenen Wochen sind stürmisch gewesen und politisch brisant. Der Mittagstisch im Bürgerlichen Kasino, nah am Prager Rossmarkt, ist reich gedeckt. Die Elite der tschechischen Intellektuellen hat sich an diesem 11. April 1848 hier versammelt, darunter der Dichter Karel Jaromír Erben und der liberale Verleger und Politiker Graf Vojtěch Deym. Der Gastgeber aber heißt František Palacký. Auf den Tag genau vor 25 Jahren ist er nach Prag gekommen, das will er feiern, und natürlich soll auch auf seine Geschichte von Böhmen angestoßen werden, deren erster Band nun endlich auf Tschechisch erschienen ist.

Doch als Palacký eintrifft, bleibt keine Zeit mehr zum Feiern. In der Hand hält er ein Schreiben, das er den Freunden gerne vorlesen möchte, bevor er es abschickt. Es sei von größter Wichtigkeit.

Bis dato hat kaum jemand in Europa Notiz vom Unabhängigkeitsstreben der Tschechen genommen. Das soll sich jetzt ändern, mit diesem Brief. Einige Seiten lang, binnen weniger Stunden verfasst, auf Deutsch, glänzend in Ausdruck und Stil. Der Adressat: Alexander von Soiron, Präsident des Fünfzigerausschusses der entstehenden Frankfurter Nationalversammlung.

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"Ich bin kein Deutscher", schreibt Palacký. "Ich bin ein Böhme slawischen Stammes." Bei aller Hochachtung für die "Vaterlandsfreunde" in Frankfurt am Main werde er dem Ruf in die Paulskirche, um dort als Abgeordneter an der Verfassung mitzuwirken, nicht nachkommen. Den "großdeutschen Herren" hält Palacký das Gesetz der Gleichheit aller Nationen entgegen. Böhmens Anschluss an Deutschland wäre das Ende einer tschechischen Nation, bevor sie jemals auf Europas Landkarte aufgetaucht ist. Politischer Selbstmord.

Während in Frankfurt die radikalen Demokraten von der deutschen Republik träumen, fordert František Palacký einen österreichischen Staatenbund mit einem starken Kaiser an der Spitze. Nur der Herr in der Hofburg garantiere den "slawischen Völkern" ihre Autonomie und Schutz vor der "russischen Universalmonarchie", schreibt er in seinem Brief. "Wahrlich, existierte der österreichische Kaiserstaat nicht schon längst, man müsste im Interesse Europas, im Interesse der Humanität selbst sich beeilen, ihn zu schaffen."

Austroslawismus heißt seine Verjüngungskur für das gebrechliche Donaureich. Anders als die Italiener und Ungarn setzt er auf eine Revolution ganz eigener Art: Kaisertreue gegen weitgehende Unabhängigkeit. Und eine Zeit lang sieht es so aus, als könnte Palacký tatsächlich Erfolg haben.

Böhmens großer Historiker und Politiker stammt – und das mag bezeichnend sein – aus dem Grenzland. Am 14. Juni 1798 wird František (Franz) Palacký als fünftes von zwölf Kindern in Hotzendorf (Hodslavice) geboren, nahe am Gebirge, das Mähren von der Slowakei und Schlesien trennt. Protestanten und Katholiken, Tschechen und Deutsche leben hier seit Jahrhunderten Hof an Hof. Er ist 14, als ihn sein Vater, der Dorfschullehrer, auf das evangelische Lyzeum nach Pressburg (Bratislava) schickt. Der Junge lernt schnell, liest die griechischen und lateinischen Klassiker, liest Klopstock, Goethe und Kant. Keiner behält so viele Namen wie Palacký, "Herr Alleswisser" nennen ihn die Kameraden. Am Ende der Studien beherrscht er elf Sprachen – und muss sich Kost und Logis als Privaterzieher von Söhnen ungarischer Adelsfamilien verdienen.

In Wien wird man misstrauisch und wittert Konspiration

Palacký will nach oben. Der berufliche Ehrgeiz verbindet sich mit politischen Ambitionen. Nach der Niederlage Napoleons breitet sich in Pressburgs Elite nationale Stimmung aus. Besonders das Schicksal des polnischen Helden Tadeusz Kościuszko, der sowohl im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg stritt als auch im Kampf um Polens Freiheit, versetzt den jungen Palacký in Begeisterung. "Mein Leben und mein Geist seien dem Vaterlande geweiht, und nur dem Vaterlande und meinem Volke gelte mein Atem", notiert der 21-Jährige 1819 pathetisch in sein Tagebuch.

Im Frühjahr 1823 bricht er auf nach Prag. Ins deutschsprachige Prag. In den Amtsstuben, in den Offizierskasinos und Kaffeehäusern hört man kaum Tschechisch. Sogar der Prager Bürgermeister spricht Deutsch. "Ich zittere beinahe, wenn ich bedenke: ohne Amt und Beruf bist Du in einer fremden Welt", schreibt der Vater dem Sohn. Doch der weiß: Sein Lebenswerk, die große Geschichte der Böhmen, kann er nur hier schreiben. In Prag.

Er besucht Dichter und Professoren. In den Salons des Adels glänzt er mit seinem Klavierspiel, er verschafft sich Konnexionen. Bald ist er, in bestem Sinne, stadtbekannt: ein Mann von mittlerer Statur, blonde, lockige Haare, buschige Koteletten. Brillant, klug, belesen.