Niels Birbaumer leitet an der Universität Tübingen das Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie und gilt als Pionier auf dem Gebiet der Hirn-Computer-Schnittstellen. Seit 1995 arbeitet er daran, die Gedanken von gelähmten oder eingeschlossenen ("Locked-in") Patienten zu entschlüsseln und mit ihnen auf diese Weise zu kommunizieren. Kein Labor verfügt auf diesem Gebiet über mehr Erfahrung mit Patienten.

DIE ZEIT: Herr Birbaumer, Sie haben schon vor über 15 Jahren die Idee verfolgt, Zugang zu den Gedanken völlig gelähmter Patienten bekommen zu können. Doch erst in letzter Zeit wird darüber plötzlich wieder verstärkt diskutiert. Was ist passiert?

Niels Birbaumer: Ich glaube, der Grund dafür sind die aufsehenerregenden Ergebnisse aus Tierversuchen. Drei Laboratorien in den USA haben gezeigt, dass man Affen trainieren kann, alleine mit Gedankenkraft eine Prothese zu steuern. Dabei werden die Aktionspotenziale von Zellen ihres motorischen Kortex ausgelesen und in Greifbewegungen umgesetzt. Das hat der ganzen Forschung kräftigen Auftrieb gegeben.

ZEIT: Sie selbst konnten an Schlaganfallpatienten zeigen, dass man deren Gedanken via EEG auslesen und mithilfe einer Prothese in eine Greifbewegung umsetzen kann. Dafür wurden Sie in manchen Medien schon als der Mann gefeiert, der die Lahmen wieder gehend macht. Freut Sie das?

Birbaumer: Um Himmels willen! Diese Berichterstattung ist für uns eine Belastung. Die meisten Berichte sind viel zu euphorisch, und am nächsten Tag stehen die Patienten Schlange. Ich musste eine eigene Stelle schaffen, nur um die Anfragen zu bearbeiten. Derzeit haben wir auf unserer Warteliste 4000 Schlaganfallpatienten. Behandeln kann ich im Experiment zehn bis zwanzig pro Jahr.

ZEIT: Bekommen Sie zu wenig Geld?

Birbaumer: Nein, nein, die Forschung wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Bundesforschungsministerium und der EU derzeit ja massiv gefördert. Aber noch hapert es an der Umsetzung. Die Krankenkassen finanzieren diese Art der Rehabilitation nicht, viele Ärzte verstehen sie nicht, und in der Industrie fehlt das Interesse, die Methode zur Anwendungsreife zu bringen.

ZEIT: Wenn man die Affenvideos sieht, könnte man meinen, die Umsetzung sei ganz einfach.

Birbaumer: Theoretisch ja. Die Tierexperimente zeigen ja, dass man aus den Hirnpotenzialen von wenigen Zellen im motorischen Kortex eine Bewegung ableiten kann. Man darf allerdings nicht vergessen, dass die Forscher dabei superintelligente Prothesen verwenden, die bereits sehr schwache Hirnsignale in Greifbewegungen umsetzen können. Außerdem wurden alle Experimente an gesunden Tieren durchgeführt. Wenn man mit Menschen arbeitet, die durch einen Schlaganfall beeinträchtigt sind, sieht die Sache oft anders aus.

ZEIT: Inwiefern?

Birbaumer: Wir haben hier in Tübingen und in den USA eine kleine, primitive Prothese gebaut und sie Patienten mit Schlaganfall angepasst, die vollkommen gelähmt sind. Dann haben wir sie trainiert, diese Prothese alleine mit Gedankenkraft zu bewegen. Das ging überraschend gut. Nach 20 Sitzungen konnten fast alle Patienten die Prothese steuern. Doch das ist nur die eine Hälfte der Therapie. Die andere besteht darin, dass man die Patienten auch trainieren muss, mit der Prothese außerhalb des Labors zurechtzukommen. Sie müssen die entsprechenden Arm- und Handbewegungen in der Realsituation ohne Brain-Computer-Interface üben, und letztlich muss man den ganzen Körper geordnet und koordiniert aktivieren. Auf Knopfdruck geht gar nichts.