Nun ist der Schlossplatz leer und grün. Und über allen Palastruinen, allen Rekonstruktionsdebatten wächst das Gras. Rollrasen, um genau zu sein, so wie vom Bundestag "als gärtnerische Übergangslösung" gefordert. Vor ein paar Tagen wurde der Vertrag mit dem Architekten Franco Stella unterzeichnet, er soll das Humboldt-Forum mit seinen neubarocken Fassaden bauen. Nur was hinter diesen Hüllen eigentlich passieren soll, wofür das Humboldt-Forum gut ist, das wusste bislang niemand recht zu sagen. Man hatte immer nur um die Form gestritten und den Inhalt fast vergessen. Das soll sich jetzt ändern.

Geplant ist das ambitionierteste deutsche Kulturprojekt seit der Wiedervereinigung. Nichts Geringeres haben die Politiker und künftigen Nutzer vor, als die Institution Museum neu zu erfinden. Und mehr noch: Es soll dem vereinigten Deutschland einen neuen Quellcode einschreiben. Einen, der sich nicht mehr auf die Nation bezieht, ja nicht einmal mehr auf Europa, sondern auf die ganze Welt. Die Vorstellung vom Fremden, aber auch die vom Eigenen soll hier neu verhandelt werden. Wenn das Humboldt-Forum funktioniert, könnte es die Denk- und Erfahrungsschule einer demokratischen Weltgesellschaft werden. An die Projekte von Alexander und Wilhelm von Humboldt will man hier anknüpfen, an die Ideen von Gottfried Wilhelm Leibniz und Georg Foster. An die sogenannten guten Traditionslinien Preußens und Deutschlands.

Kommende Woche werden erstmals konkretere Planungen für das Humboldt-Forum vorgestellt. Mit einer Ausstellung im Alten Museum präsentieren die diversen Träger des Forums – die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst, die Humboldt-Universität mit ihren wissenschaftlichen Sammlungen sowie die Zentral- und Landesbibliothek Berlin – ihr Vorhaben der Öffentlichkeit. Auch ein Buch wird es geben, herausgegeben von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), und Thomas Flierl, dem ehemaligen Kultursenator von Berlin, ein Buch, in dem sowohl die Konzepte der künftigen Nutzer als auch zahlreiche kritische Anregungen von Kulturpolitikern, Wissenschaftlern und Künstlern versammelt sind. Und wer das alles liest, wer mit den Verantwortlichen spricht, der begreift: Hier entsteht etwas Großes, ein ungemein mutiges Unternehmen wird auf den Weg gebracht.

Was genau ist geplant? In die oberen Geschosse des Baus sollen das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst einziehen. Über 500000 Objekte umfassen heute diese bisher in Dahlem untergebrachten außereuropäischen Sammlungen. Im Schloss soll ihr Reichtum erstmals richtig zur Geltung kommen, und so werden jetzt schon für die Schau im Alten Museum noch nie gezeigte Stücke aus den Depots geholt.

Multiperspektivität ist eine der Zauberformeln für künftige Präsentationen und die angeschlossene Forschung. Die Throne aus Afrika, die Geisterfiguren aus Ozeanien und die Federkronen aus Mittelamerika sollen einerseits als der europäischen Kunst gleichberechtigte Werke präsentiert werden. Ähnlich wie in dem vor drei Jahren eröffneten Musée du Quai Branly in Paris will man die Artefakte auratisch aufladen und reästhetisieren. Anders als in Paris wollen die Kuratoren in Berlin jedoch auf eine exotisierende Inszenierung verzichten und dafür die Objekte aus ihrer Geschichte heraus erklären. Dabei wird die Erzählposition jedoch ständig wechseln: Nicht nur die Ethnologen kommen zu Wort, sondern auch die Bewohner der Herkunftsregionen, dazu Stimmen aus alten Quellen. Diese Erklärungen dürften kontrovers sein und so den Anspruch der frühen Völkerkundemuseen auf die eine wahre Erzählung dekonstruieren. Fortan feiert das Museum nicht unseren Blick auf die Fremde, es erlaubt uns vielmehr, mit den fremden Dingen auf uns selbst zurückzublicken. Zugleich, so der Wunsch, sollte sich auch ein Besucher aus Neuguinea hier seiner Geschichte vergewissern können.

In den sogenannten Werkstätten des Wissens werden deshalb auch Wissenschaftler aus Afrika, Asien, Lateinamerika zusammen mit europäischen Kollegen forschen. Und die Ergebnisse dieser Forschungen werden dann umgehend wieder in die Ausstellung gefüttert. Die Dauerausstellung wird, so viel ist klar, in Modulen konzipiert werden, damit je nach Forschungsstand die Themen einfach überarbeitet oder ganz ausgetauscht werden können. Das Museum, eine traditionell auf Beständigkeit getrimmte Institution, könnte damit eine äußerst wandelbare, offene Struktur bekommen.

Wer dann noch Fragen hat, der kann sich auf Leseinseln zwischen den Exponaten die passende Literatur vornehmen. Die Zentrale Landesbibliothek will im Humboldt-Forum aber auch solche Bestände unterbringen, die mit dem Museum der Weltkulturen im engeren Sinne nichts zu tun haben, etwa die Musik- und Filmangebote. So beabsichtigt man auch, solche Berliner Bevölkerungsgruppen in das Schloss zu locken, die sonst nur selten Museen besuchen. Als Vorbild eines belebten Volkshauses dient hier einerseits der Palast der Republik, das Erlebniscenter der untergegangenen DDR. Andererseits will man dem vor gut drei Jahrzehnten eröffneten Centre Pompidou in Paris nacheifern, mit seinen gut besuchten Kunstausstellungen, den Kinos im Untergeschoss, den Cafés und der von vielen Parisern besuchten Bibliothek.