Es ist fünf Uhr morgens, über Norddänemark geht die Sonne auf. Rasmus Fejerskov und sein Freund Jonathan tun, was die meisten Surfer um diese Uhrzeit tun. Sie fahren Auto. Die Küste hoch, die Küste runter. Das Dänische Meteorologische Institut hat eine Dünung aus Nordwest angekündigt, dazu ablandigen Wind. Beste Bedingungen, um hier oben in Jütland zu surfen. Aber wo sind die Wellen?

Die beiden Dänen waren schon in Middles, der bekanntesten Stelle am Riff. Die Nordsee kroch gerade mal in kniehohen Wellen an den Strand. Einige Kilometer weiter nördlich dehnt sich ein plattes Meer bis zum Horizont. Rasmus steht am Strand, rückt sein Cappy zurecht und schickt einen Fluch in die Brise. Weitersuchen.

Zehn Minuten später laufen die Freunde eine Düne hinauf: Dahinter sind sie. Mit glatten Fronten rollen die Wellen ans Ufer, anderthalb Meter hoch, die Kämme steil, sauber aufgetürmt vom Wind. Hektisch ziehen die beiden die Neoprenanzüge an, ihre schwarze zweite Haut. Auf winzigen Surfbrettern paddeln sie ins Meer.

Es ist halb sechs am Morgen, über den Strand eilen weitere schwarze Gestalten heran. Während der Rest Dänemarks noch tief in den Federn liegt, reiten sieben junge Männer die Wellen unter einem hellblau werdenden Himmel, die Dünen weit und leer. Später kann es ziemlich voll werden, wird Rasmus nachher sagen. An guten Tagen hat er in Klitmøller schon 300 Surfer im Wasser gezählt.

Klitmøller ist ein sturmverwehtes Fischerkaff mit 800 Einwohnern. Es gibt keine Tankstelle. Nur eine Bäckerei, eine Pizzeria, einen Supermarkt, zwei Campingplätze, zwei windschiefe Bushaltestellen und ein paar Ferienhäuser. Wie vergessen liegt es an der Nordsee. Keine große Straße führt hier vorbei. Nur unter Surfern ist Klitmøller in ganz Europa bekannt. Sie nennen es das "kalte Hawaii". Diesen schmeichelhaften Ruf verdankt der Ort einem von Miesmuscheln bewachsenen Kalksteinplateau. Fünf Kilometer weit ragt es ins Meer hinein, lässt die Wellen bis zu sechs Meter hoch ansteigen und sich brechen. Anfang der 1980er Jahre haben die Windsurfer diesen "Spot" entdeckt. Als Erste kamen die Deutschen. In Wohnmobilen, die mit Brettern, Masten und Segeln voll beladen waren, reisten sie an. Hohe Wellen, häufig starke Winde und kein Surfer auf dem Wasser – in Klitmøller fanden sie das perfekte Revier.

Die Einwohner lebten damals wie heute vom Fischfang, von den Hummern, Taschenkrebsen, Dorschen und Schollen aus dem Riff. Viele arbeiteten auch für die Fangflotten in Hanstholm, einem größeren Hafen 20 Kilometer weiter im Norden. Im Sommer verdienten sie sich etwas dazu, indem sie einfache Holzhäuser an ein paar windresistente Urlauber vermieteten.

Als die ersten Windsurfer eintrafen, zeigten ihnen die Fischer einen Vogel. Bei sieben, acht Windstärken da rauszugehen, das sei selbstmörderisch! Doch dann sahen sie, wie die jungen Leute die Wellen rauf und runter jagten, meterhoch durch die Luft sprangen und mit breitem Grinsen zurück an den Strand kamen. Das Meer war zur Spielwiese geworden. In den Surfmagazinen erschienen die ersten Berichte, und in Klitmøller waren bald mehr Segel auf dem Wasser zu sehen als Fischerboote.

Es ist kurz nach zehn, als Rasmus und Jonathan aus dem Wasser kommen. Vier Stunden Sport in zwölf Grad kalter Nordsee, Luft neun Grad, inzwischen nieselt es auch noch. Rasmus lehnt sein Brett an einen Betonkoloss. Es ist einer von zahllosen Bunkern des "Atlantikwalls", den die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg an Europas Westküste bauten, um eine Invasion der Alliierten zu verhindern. Heute sind die Klötze mit Graffiti besprüht, Namen von Liebespaaren und pinkfarbene Surfersymbole. "Die Dänen haben die Deutschen schon öfter gebeten, die Dinger wieder abzubauen", sagt Rasmus. "Aber für eine Sprengung ist der Beton einfach zu dick." Dann zieht er sich um, er muss zur Arbeit. Rasmus gehört der Surfshop Westwind, ganz vorn an der großen Bucht, neben der Aalräucherei und den Fischbuden.