Im Sommer 2007 kündigte George Soros bei einem Treffen mit Geschäftsfreunden an, ins Management seines Hedgefonds Quantum zurückzukehren. Es war eine überraschende Entscheidung, weil sie von einem Mann kam, der zu diesem Zeitpunkt 76 Jahre alt war und der im Alter immer wieder Bedauern darüber geäußert hatte, dass er der Welt nichts Wertvolleres hinterlassen habe als einen Speicher voller Geld.

Seit vielen Jahren war Soros vor allem damit beschäftigt, seine Reichtümer wieder in den Geldkreislauf einzuspeisen. Der Spekulant hatte sich zu einem Philanthropen gewandelt, dessen höchstes Ziel die monetäre Selbstauflösung zu sein schien. Seit Jahren war er auf der Forbes - Liste der reichsten Männer immer ein wenig tiefer gerückt. Nach dem Ende seiner zweiten Ehe war nun oft eine junge taiwanesische Violinistin an seiner Seite zu sehen. Er schrieb Bücher wider die Marktgläubigkeit der Neoliberalen und gründete mit anderen Milliardären eine Art Club, dessen Ziel die Abwahl von George W. Bush war.

Jenen Augusttag vor zwei Jahren verbrachte er im Kreise der wichtigsten Fondsmanager Amerikas auf seinem Anwesen auf Long Island. Es war ein Sommertag, so ungetrübt wie die Wirtschaftslage, als George Soros am Horizont eine fürchterliche Krise sah. Seine Kollegen widersprachen, sie sahen eine "leichte Korrektur" herannahen.

Er hat früh gelernt, den Meinungen der Mehrheit zu misstrauen

Sie hätten Grund gehabt, seiner Vorhersage Glauben zu schenken, denn Soros hat ein Vermögen mit seinem Gespür für makroökonomische Entwicklungen verdient. Er ist kein Wertinvestor wie der superreiche Amerikaner Warren Buffett, der sich an unterschätzten Unternehmen beteiligt, im Vertrauen darauf, dass ihr "wahrer Wert" irgendwann vom Markt erkannt wird. Auch kein Naturwissenschaftler, wie jene Harvard-Absolventen, die in den vergangenen zehn Jahren, statt zum Mond zu fliegen, Computerprogramme über die Güterpreise dieser Erde jagten, auf der Suche nach kleinsten Ungereimtheiten, aus denen sich auf Kredit Profit schlagen ließe. Soros ist reich geworden dank eines inneren Kompasses, der ihm sagt, wohin sich die Erde als Nächstes bewegt.

In Budapest aufgewachsen, in London ausgebildet, begann er in den fünfziger Jahre als Händler an der Wall Street, wo seine Fonds bald als besonders wachstumsstark galten. In den siebziger Jahren sah er die Liberalisierung des Finanzsystems voraus und kaufte Bankaktien. Als er Maggie Thatcher traf, stieg er in britische Unternehmen ein. Er ahnte, dass sie es ernst meinte mit ihren Plänen zur Liberalisierung der Wirtschaft.

Mitte der achtziger Jahre überschritt Quantum als erster Hedgefonds die Milliardengrenze, aber weltberühmt wurde Soros erst Anfang der neunziger Jahre. Wie er erkannte, war das System fester Wechselkurse in Europa so angespannt, dass das Pfund in Relation zur D-Mark abgewertet werden musste. Dabei half er eigenhändig nach, indem er viele Milliarden Pfund auf den Markt warf. Fortan galt er als Meisterspekulant, der die Bank of England gesprengt hatte und nach seiner Enttarnung durch eine britische Boulevardzeitung nicht einmal Reue zeigte. Wenn Spekulieren bedeute, die Zukunft korrekt vorherzusagen, erklärte er einem Reporter, dann sei er stolz, ein Spekulant zu sein. Wenn die Jahresrendite von durchschnittlich dreißig Prozent, die Quantum über Jahrzehnte erreichte, bedeutet, dass Soros eine Art Hellseher der Märkte ist, dann will man nicht bloß wissen, woher diese Fähigkeit rührt, sondern auch, was seiner Ansicht nach als Nächstes passieren wird.

Man kann, auf der Suche nach der besonderen Prägung des George Soros, ins Ungarn des Jahres 1944 zurückkehren. Damals war György 14 Jahre alt, der zweite Sohn einer jüdischen Familie. Er musste mit ansehen, wie Freunde und Bekannte von den Nazis abtransportiert wurden, weil sie nicht glauben konnten, dass das Unvorstellbare tatsächlich wahr geworden war. Seine Familie überlebte den Einmarsch, weil sein Vater rechtzeitig falsche Papiere besorgt hatte. Damals, behauptet Soros, habe er etwas verstanden, was ihm später beim Spekulieren von Nutzen gewesen sei: dass man in Extremsituationen mit normalen Reaktionen nicht weiterkomme.