ZEITmagazin: Herr von der Lippe, Sie feiern Ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Mit welchem Auftritt beginnt Ihre Zählung?

Jürgen von der Lippe: Ich rechne von der Zeit an, zu der ich hauptberuflich nur noch von meiner Kunst gelebt habe. Ich erfuhr erst beim Studienabschluss, dass meine Fächerkombination nicht lehramtsfähig war…

ZEITmagazin: …und wurden so auf die Bühne gezwungen?

von der Lippe: Ich wurde gezwungen, den Job, von dem ich schon mehr als auskömmlich lebte, weiter zu verfolgen. Ein Gottesurteil.

ZEITmagazin: Und fragen Sie nach dreißig Jahren Bühne noch: Warum mache ich das?

von der Lippe: Nein, die Begründung wird mir ja jeden Abend geliefert.

ZEITmagazin: Sie liegt im Applaus?

von der Lippe: Und in der Zuwendung, der Bestätigung. Ich bin ja, was die Honorierung meiner Arbeit angeht, ein ungeduldiger Mensch. Als Maler würde ich nicht taugen…

ZEITmagazin: Es applaudiert niemand vor einem Gemälde…

von der Lippe: Sehr selten, oder man muss tot sein. Ganz anders beim Koch oder Friseur. Das sind durchaus vergleichbare Dienstleister, die unmittelbare Reaktion erfahren.

ZEITmagazin: Sie aber bekommen die Zustimmung schon beim Vollzug der Leistung. Das ist ja nicht mal in der Liebe so.

von der Lippe: Stimmt. Man wird da oft nicht währenddessen gelobt. Vielleicht zu Unrecht. Aber das Verfassen der Texte ist doch die eigentliche, manchmal quälende Arbeit.

ZEITmagazin: Haben Sie sich nie gefragt: Warum mache ich das immer noch?

von der Lippe: Nein, ich bin überzeugt davon, das Einzige für mich Richtige zu machen. Eher suche ich nach Dingen, die ich noch nicht gemacht habe.

ZEITmagazin: Haben Sie je gedacht: Ich mache es trotzdem?

von der Lippe: Ich habe Todesfälle erlebt, während ich auf Tournee war. Man hat ja vorher keine Ahnung, was das in einem anrichtet. Dennoch sagt die Zirkusstimme: Send in the clowns!

ZEITmagazin: Hat die Stimme nach dem 11. September 2001 gesagt: Nach großen Kriegen müssen Komödien geschrieben werden?

von der Lippe: Schon. Aber ich war auch erschüttert, dass man nun gerade das machen musste. Zugleich war ich froh über die Möglichkeit der Übersprungshandlung. Und ich war auch froh, in einem Land zu leben, in dem man etwa über Religion in aller Freizügigkeit und in komischer Absicht sprechen kann. Ich verdanke der katholischen Kirche ja doch eine massive Verklemmung, an deren Aufhebung ich lange gearbeitet habe…

ZEITmagazin: Auch als Ministrant?

von der Lippe: Auch als Ministrant, ich war ja bis etwa zwanzig streng und konsequent gläubig. Woraus eine gewisse Verbitterung resultierte. Dann aber wurde ich als Nach-68er erst mal strammer Sozialist.

ZEITmagazin: Was auch eine ernste Sache war.

von der Lippe: Allerdings. Bei den Jusos aber musste ich feststellen, dass der Homo politicus für mich kein Umgang ist. Das waren schreckliche Typen, humorlos, brutal im Umgang miteinander, doktrinär, ungut. Ich hab mich mit Grausen abgewandt.

ZEITmagazin: Ich habe gehört, dass Sie bereits vorlasen, noch bevor Sie lesen konnten.

Ich habe nur so getan. Mit vier hatte ich mir eine Geschichte so gut gemerkt, dass ich sie im Krankenhaus vor dem geöffneten Buch auswendig erzählte. Nur habe ich das Buch falsch herum gehalten. Man sieht immerhin, wie dringend ich lesen können wollte.

ZEITmagazin: Warum gehen Sie immer noch der altmodischen Tätigkeit des Vorlesens nach?

von der Lippe: Weil es eine stillere, aber intensivere Variante der Bühnentätigkeit ist. Man arbeitet nur mit der Stimme. Ich genieße es.

ZEITmagazin:Hätten Sie den Grimme-Preis nicht lieber für Ihre Büchersendung Was liest du? bekommen als für die Spielshow Extreme Activity? Für beide waren Sie 2007 nominiert.

von der Lippe: Natürlich. Ist doch klar. Lieber fürs eigene Kind.

ZEITmagazin: Das literarische Sprechen war doch immer schon Ihr Metier, auch als Unterhalter.

von der Lippe: Das mag sein. Meine Kinderlektüre waren ja auch Gustav Schwabs Heldensagen. Aber es gab auch zwei Jahre, da habe ich nur Billig-Western gelesen wie die von Zane Grey. Das hat mich ein bisschen zurückgeworfen. Wenn man zwei Jahre nur so einen Scheiß liest… Meine Bildung ist die des Self-made-Mannes.

ZEITmagazin: Warum schreiben Sie keinen Roman?

von der Lippe: Ich habe sieben Anfänge da liegen.

ZEITmagazin: Lauter Eingänge in dasselbe Buch oder in unterschiedliche?

von der Lippe: Immer unterschiedliche. Es ist auch ein Western darunter.

Jürgen von der Lippe, 61, ist einer der bekanntesten deutschen Fernsehunterhalter und Entertainer. Im Herbst erscheint das von ihm herausgegebene "Witzigste Vorlesebuch der Welt". Roger Willemsen stellt jede Woche die Frage: "Warum machen Sie das?"