Schillernd ist das Wort vom Reset, "Neustart", das Obama zum Motto seiner Außenpolitik erhoben hat, nun auch gegenüber Moskau. Denn der Neustart macht den Rechner nur flott; er verändert kein Programm. Zwischen Moskau und Washington summt der Computer wieder – ein Glücksmoment, wie jeder verzweifelte User weiß.

Amerika und Putinland reden nach dem Moskauer "Reset" ja herzlich miteinander. Und sie haben neue Abrüstung gelobt: Die Zahl der strategischen Sprengköpfe soll von 1700 bis 2200 auf 1500 bis 1675 abgesenkt werden. Das ist ein nobler und nützlicher Schritt – bis man die Bilanz genauer durchforstet. Wie viele jeder hat, ist gut verschleiert. Aber die besten Schätzungen geben den beiden je 5000 Atomwaffen (taktische und strategische), dazu ein paar Tausend in der Reserve oder auf dem Weg zum Shredder.

Die Abrüstung läuft also sehr gemächlich ab, aber das ist das geringste Problem, weil bei so viel Overkill keinem das Verschrotten wehtut. Das Problem sind die alten Programme. Amerika bleibt die Nummer eins, Russland ist die deklassierte Supermacht, die wie ein Drittweltland von ihren Bodenschätzen lebt, aber im Putinismus (autoritär, korrupt, verschlossen) nicht die Dynamik entfalten kann, die wahre Größe zeugt.

Russland fühlt sich seit dem Kollaps der Sowjetunion von Amerika übertölpelt und bedrängt; hier kann der neue Respekt für Entkrampfung sorgen. Aber wie resümiert doch das Weiße Haus das Obama-Putin-Gespräch? "Es war eine sehr offene Diskussion über harte Sicherheitsinteressen." Das ist Diplo-Sprech für: "Keiner wich zurück." Alles andere wäre erstaunlich gewesen.

In Moskau läuft ein uraltes Programm ab: wie im 19. Jahrhundert die Interessensphären im Westen und im Süden zementieren, jeden weiteren Vormarsch des Westens zwischen Kiew und Kirgistan stoppen. Doch wird der Reset Obama nicht dazu bringen, Moskau wieder zu überlassen, was es mit der Kapitulation im Kalten Krieg verloren hat. Großmächte verschenken nichts.