An einem verregneten Nachmittag probte Mogersdorf den Aufstand. Dort, wo einst der kaiserliche Feldherr Graf Montecuccoli eine übermächtige Streitmacht der Osmanen in die Flucht geschlagen hatte, versammelten sich im September des vergangenen Jahres an die tausend Dorfrebellen, beinahe mehr Menschen, als die kleine Gemeinde im südburgenländischen Bezirk Jennersdorf Einwohner hat. Der Gitarrist Harri Stojka und die Schlagersängerin Jazz Gitti spielten auf, mit Schirmen und in Anoraks trotzten die Demonstranten dem nassen Wetter. Auf den durchweichten Transparenten prangten qualmende Schlote und Totenköpfe. »Schöne Aussichten«, stand auf einem zu lesen. Bitterer Zynismus, denn der weite Blick ins Land könnte bald Vergangenheit sein.

Demnächst soll im benachbarten Heiligenkreuz an der Lafnitz, mitten im Nirgendwo, eine gewaltige Müllverbrennungsanlage entstehen. Geradezu wie in einem Schulbeispiel österreichischer Provinzpolitik vereint die Vorgeschichte des Mammutprojekts Schildbürgerstreiche mit naivem Größenwahn, Subventionsgemauschel mit der Kraftmeierei lokaler Größen.

Zunächst herrschte noch Harmonie. Als im Mai 2006 Rudolf Simandl, der Vorstandsdirektor des burgenländischen Energieversorgers Begas, das Projekt präsentierte, war die Stimmung unter den Anrainern blendend. Schließlich sollte die geplante »Reststoffverwertungsanlage« der strukturschwachen Grenzregion neue Arbeitsplätze bescheren. Von rund tausend zusätzlichen Jobs war die Rede. Der graue Betonquader mit dem Ausmaß einer Bahnhofshalle und die beiden jeweils an die hundert Meter hohen Schornsteine, welche die Computersimulation zeigte, konnten die rosige Perspektive kaum trüben.

Von 2010 an sollten in der Anlage jährlich 320000 Tonnen Abfall verheizt werden, um das ortsansässige Werk des Zellstoffproduzenten Lenzing Fibres mit Energie zu versorgen. 320000 Tonnen, das sind elfmal so viel Müll, wie im gesamten Burgenland in einem Jahr anfällt. 115 Millionen Euro wollte die Begas in das Großprojekt investieren. Doch knapp ein Jahr vor dem geplanten Betriebsstart ist noch immer kein Bagger aufgefahren. 21 Gegengutachten, 5610 Einwendungen und etwa 500 Berufungen gegen eine positive Entscheidung der Umweltverträglichkeitsprüfung liegen bei der Landesregierung. Nun ist der Wiener Umweltsenat am Zug.

Eine Armada von Müllkippern wird durch das Südburgenland donnern

Gleich, wie die Juristen entscheiden: Drei Jahre nach dem verheißungsvollen Start geht ein tiefer Riss durch das Südburgenland. Während die einen auf Jobs hoffen, fürchten die anderen meterhohe Rauchfahnen, Kolonnen von Müllkippern, Abfallimporte und den Wertverlust ihrer Grundstücke. Neben Greenpeace und der lokalen Bürgerinitiative gegen Abfallschweinerei (Bigas) mobilisieren vor allem die Grünen gegen das Kraftwerk. »Das Projekt gibt es nur, weil Lenzing billigere Energie will«, empört sich die Nationalratsabgeordnete und Bigas-Aktivistin Christiane Brunner. Ein Vorwurf, der vor allem an SPÖ-Landeshauptmann Hans Niessl adressiert ist. Der Landeschef hat sich von Beginn an für die vermeintliche Jobmaschine starkgemacht und wusste dabei auch die Volkspartei einzuspannen. Nun kuschen die ÖVP-Bürgermeister der betroffenen Gemeinden, etwa Josef Korpitsch aus Mogersdorf. »Die meisten Einwohner sind gegen die Müllverbrennung, wir haben auch im Gemeinderat dagegen gestimmt«, erzählt der Ortschef sichtlich zerknirscht. Schmallippiger Nachsatz: »Doch das Land hat entschieden, der Bau sei in Ordnung, also ist das eben so.«