Achtzehn!", sagt Axel Bruns an einem dieser stillen Tage nach dem großen Sturm. "Weg", sagt Meikel Pfeiffer. "Auch weg", sagt Bernd Bieger und schiebt den Skat zu Bruns hinüber. Im Aschenbecher verglimmt geräuschlos eine Zigarette. Eine Kellnerin, kaum zwanzig, birmanisch und bildhübsch, schlurft über die schweren Teppiche in das kleine Hinterzimmer im ersten Stock des Traders Hotel, Downtown Rangun.

"Coffee, please", murmelt Bruns.

Er wirkt abwesend. Kaum vier Wochen ist es her, da hat ihm dieser gottverdammte Wirbelsturm die Satellitenschüssel vom Dach gerissen, in seinem Garten türmen sich umgeknickte Palmen, Wellbleche, Strommasten, und draußen in den Flussarmen des Irrawaddys treiben immer noch Zehntausende Körper.

"Meine Leute bauen jetzt ein Dorf wieder auf", sagt Bruns, ohne aufzusehen. "Alles platt da, 117 Tote."

Bruns hat mal über birmanisches Marionettentheater promoviert. Wie Pfeiffer betreibt er eine Reiseagentur in Birma. 50.000 Dollar haben ihm seine deutschen Kunden überwiesen, davon hat er zwei Hilfskonvois in die verwüstete Region geschickt, Plastikplanen, Wasserflaschen, Fischernetze. Eigentlich hat Bruns anderes zu tun. Seine Agentur zieht gerade um, und nebenbei schreibt er an einer Chronik über seine Jugend in der deutschen Provinz.

"120 Hütten stellen wir hin", sagt er. "Wird alles wie gehabt. Und völlig öko. 2500 Bambusstämme schaffen wir dafür ins Delta, das geht nicht ohne Schiff."
"’ne Menge Holz", sagt Bieger, der seit 30 Jahren für die deutsche Firma Fritz Werner arbeitet. Bruns zieht ihn manchmal auf und nennt ihn "Waffenschieber", weil die Firma Birma lange mit Gewehren und Munitionsfabriken ausgerüstet hat. Bieger, 150 Kilo schwer, ist Fritz Werners letzter Mann vor Ort.
"Was spielste denn?", fragt er ungeduldig.
"Grand Hand", sagt Bruns.
"Kommst selbst", sagt Pfeiffer.

Bruns spielt seinen Grand mit vieren, er verliert das Spiel. Er verliert auch das nächste und das übernächste, aber was sind ein paar Hundert Miese in diesen Tagen, in denen es nur darum geht, hier am Tisch zu sitzen und die Nerven zu behalten. Es ist Regenzeit – der mörderische Tropensturm liegt Wochen zurück, der Proteststurm der Mönche etliche Monate.

Rangun ist abgeriegelt. Polizisten mit Gewehren, zum Teil aus Biegers Produktion, zwingen alle Fremden zur Umkehr. Die Telefonleitungen sind gekappt, das Internet ist nur selten zugänglich. Alles in Rangun steht still. Es bleibt nichts, als abzuwarten und Skat zu spielen, um die Leere zu vergessen und die Welt, die in diesem Hinterzimmer noch viel weiter weg ist als sonst. Es wirkt, als habe ein Taifun diese drei Männer an den Kartentisch gespült – wie Treibgut eines alten kolonialen Traums.

Man fragt sich, was sie hier suchen, in einem Land, dessen Junta auf unbewaffnete Mönche schießen ließ und lieber das eigene Volk verrecken lässt, als ausländische Helfer hereinzulassen; einem Land, das der Westen mit einem Netz von Sanktionen überzogen hat, so dicht, dass man darin nur scheitern kann. Bieger, Bruns und Pfeiffer sind drei der letzten 70 Deutschen, die noch in Rangun leben.
Was hält sie davon ab, zu gehen?

Nach dem Skat nimmt Bruns ein Taxi ins Savoy Hotel. Dann steht er an der Bar, ein groß gewachsener Ostfriese Ende fünfzig, mit kahlem Kopf und einer gewissen Ähnlichkeit mit Armin Mueller-Stahl. Bruns bestellt eine Seafood-Pizza und schaltet das Handy ab, weil ihn seine birmanische Freundin mit SMS terrorisiert. Sie glaubt, er liege irgendwo bei einer Nutte.

Für die Deutschen in Rangun ist das Savoy eine Zuflucht. Wer reden will oder nicht schlafen kann, kommt abends an die Bar. In den Tagen nach dem Wirbelsturm 2008 traf man hier Leute, die einem den Tagespreis für Schwarzmarktdiesel sagen konnten, wer noch Trinkwasser verkaufte oder wo man eine Kettensäge kriegte. Die Botschaftsleute verlegten ihren Krisenstab an den Tresen, die Journalisten tauschten aus, welche Gerüchte sie am nächsten Morgen in die Heimat sendeten. Bruns kannte sie alle. Er beobachtet, wer an dem Ast sägt, auf dem er sitzt.
"Das Bild, das sich die Welt von Birma macht", sagt er, "hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun."