Auf dem Kanal schwimmen zwei Entenmütter mit ihren neun kleinen Entlein, über den Bäumen schwebt ein Bussard, das nasse Grün des Auenwaldes scheint zu atmen. Der Landwirt Ulrico Feitknecht watet in Gummistiefeln durch eine sumpfige, blühende Wiese. Plötzlich dröhnt das Knattern eines Helikopters über der Idylle. Das Rieseninsekt verzieht sich wieder, und es bleibt das Summen der Autobahn. Wir streifen durch die umstrittenste Umweltproblemzone des Tessins.

»Die Magadino-Ebene«, sagt der 56-jährige Feitknecht, dessen Großvater hier als Auswanderer aus dem Emmental im Jahre 1921 Fuß fasste, »ist die einzige große, nicht überbaute zusammenhängende Landschaftsfläche zwischen dem Gotthard und Pavia in der Poebene.« Neben der A2 und den Geleisen der meistbefahrenen Alpentransversale finden die Vogelschwärme im Frühling und im Herbst in der Naturschutzzone der Bolle di Magadino einen idealen Rastplatz, 200 Zugvogelarten, dazu 60 weitere sesshafte Vogelgattungen. Die Bolle (Sümpfe) bilden das naturgeschützte Delta des Ticino am oberen Ende des Lago Maggiore.

Auf den 4000 Hektaren findet ein brutaler Verdrängungskampf statt

Doch der naturromantische Schein trügt: In dieser lang gezogenen flachen Mulde, auf einer Fläche von rund 4000 Hektaren, herrscht ein Verdrängungs- und Verteilungskampf von Partikularinteressen und politischen Sachzwängen, von besitzergreifendem Kommerzdenken und kollektiven Ansprüchen. Es geht konkret um drei Kernprobleme: die Nutzung der Fläche, die Mobilität und den Schutz der Natur.

Die Magadino-Ebene ist Lebensraum für die 14 Dörfer, die sie wie ein Hufeisen umfassen, und Überlebensraum für Dutzende gefährdeter Pflanzen- und Tierarten. Sie ist Durchgangsraum für den Verkehr zwischen den Ballungszentren Bellinzona und Locarno. Sie ist der überquellende Obst- und Gemüsegarten, der 80 Prozent zur Versorgung des Kantons beiträgt, und der wichtigste Milchlieferant. Sie ist die grüne Lunge einer Region, ein Erholungsraum für Einheimische und Touristen. Reiter und Pferd, Wanderer, Jogger und Hunde haben Auslauf. Camper campieren, Fischer fischen, vom Himmel fallen Fallschirmspringer, kleine Sportflugzeuge steigen vom Aeroporto Locarno auf, der mitten in der Ebene liegt, und drehen ihre Schlaufen mit Ausflüglern an Bord. Millionen von Reisenden fahren achtlos im Auto oder im Zug vorbei an diesem Mikrokosmos.

Die Ebene war Terra maledetta, verfluchtes, unwirtliches Land mit ihren Sümpfen, in denen die Malaria bis Ende des 19. Jahrhunderts grassierte, mit den unbeherrschbar mäandernden Flussläufen, den Überschwemmungen. Vor dem Bau des Damms zwischen Melide und Bissone am Luganersee verlief die wichtigste Handelsroute mit Italien am Lago Maggiore vorbei bis zum Hafen Magadino und von dort am Fuß des Monte Ceneri entlang nach Bellinzona. Erst die Korrektur des Ticino ab 1888 verwandelte die Magadino-Ebene in eine Kornkammer. Die Kanalisierung war eine Bedingung für den Bau der Gotthardbahn, die eine sichere Trasse verlangte.

Von den Rändern her, besonders bei der Autobahnausfahrt SantAntonino, entstanden seit den siebziger Jahren Industriebauten, Einkaufszentren, Autohäuser, eine wilde spekulationsgetriebene Zersiedelung ohne infrastrukturelle Logik – außer der Aussicht auf Profite. Die Kantonsstraße zwischen Bellinzona und Locarno ist eine chronisch verstopfte Verkehrsader. Die SBB bauten Ende der achtziger Jahre den Güterbahnhof in Cadenazzo als Ersatz für die aufgegebene Transportdrehscheibe in Chiasso. »Eine Idiotie«, sagt Feitknecht, »ein Güterumschlagplatz mitten in der Ebene ohne Zufahrtsstraßen.«

An den Tag, der alles änderte, erinnert die kleine Tafel im Hof des Feitknechtschen Guts Rametello: »Piazzetta 30 Settembre 2007«. Es war der Tag, als Regierungsrat Marco Borradori, erfolgsverwöhnter Starpolitiker der Lega ticinese, eine halbe Stunde lang reglos im Auto sitzen blieb, nachdem er das Abstimmungsresultat erfahren hatte. Das Tessiner Volk hatte den Bau einer vierspurigen Superstrada durch die Magadino-Ebene klar mit 49057 zu 40855 Voten verworfen.

»Ein historisches Referendum«, sagt Feitknecht. Die Tessiner Straßenkontroverse erinnerte in ihrer Heftigkeit an die Rothenthurm-Initiative von 1987, jenen Meilenstein ökologischen Umdenkens, als die Schweizer den Schutz von Moorlandschaften beschlossen und die Armee auf ihren Waffenplatz verzichten musste.