Der freundliche Herr mit Silbermähne und randloser Brille brauchte nur neun Worte, um das politische Berlin in Aufregung zu versetzen. Ivo Daalder, als neuer Nato-Botschafter Obamas Mann in Brüssel, erläuterte Fachleuten und Politikern, wie es weitergehen soll in Afghanistan, beim "größten und gefährlichsten Einsatz in der Geschichte der Nato". Die Schlüsselworte standen versteckt auf Seite sieben seines Redemanuskripts: "Dennoch können und sollten Europa und Deutschland mehr tun." Daalder hatte an diesem Tag nur eine Botschaft: Es brennt in Afghanistan, und Deutschland muss helfen.

Eine Woche zuvor waren drei deutsche Soldaten bei einem Einsatz in Nordafghanistan umgekommen, als sie sich unter heftigem Beschuss mit ihrem Panzerfahrzeug zu retten versuchten. Dem Verteidigungsminister stand ein schwerer Gang zur Trauerfeier ins thüringische Bad Salzungen bevor. Und nach den neuesten Meinungsumfragen unterstützt kaum noch ein Drittel der Deutschen jenen Einsatz, den die Regierung partout nicht einen "Krieg" nennen will.

Doch je öfter der Verteidigungsminister bestreitet, dass Deutschland Krieg führt, umso mehr setzt sich der Eindruck von Überforderung und Verleugnung fest. Zumal die Bundeswehr sich gleichzeitig gezwungen sieht, die Einsatzregeln für die Truppe zu lockern. Die deutschen Einheiten werden künftig offensiver vorgehen dürfen. Das heißt womöglich: mehr Gefechte, mehr Verletzte, mehr Tote.

Da hat es gerade noch gefehlt, dass Obamas Nato-Mann den Druck erhöht. Eine Überraschung ist das freilich nicht. Obama war ja nicht zuletzt wegen des Versprechens gewählt worden, den "falschen Krieg" im Irak zu beenden und den "richtigen Krieg" in Afghanistan zu gewinnen – und zwar mithilfe ebenjener europäischen Freunde, die sein Vorgänger Bush nicht mehr erreichen konnte. Aber warum jetzt mehr fordern? Die Außenpolitiker der Koalition sind mehr als "ein Stück weit irritiert", wie es ein Mitglied des Auswärtigen Ausschusses formuliert.

Barack Obama hatte es beim Besuch der Kanzlerin peinlich vermieden, von den Deutschen öffentlich mehr zu verlangen – mit Rücksicht auf die Bundestagswahl am 27. September. Obama weiß, dass die Kanzlerin das toxische Thema bis dahin lieber nicht anfassen möchte. Vielleicht schickt er eben darum seinen Nato-Mann schon einmal nach Berlin, um deutlich zu machen, dass man sich an die Ausklammerung des Themas besser nicht gewöhnen möge. Jene 600 Soldaten, die soeben von Deutschland zur Absicherung der afghanischen Wahl im August zusätzlich ins Land beordert wurden, müssten auch danach bleiben, sagte Daalder in Berlin: "Die Sicherheitslage wird sich nach der Wahl nicht wie von Zauberhand verbessern. Da finden wir für Ihre Soldaten schon etwas zu tun."

Die neue Strategie zielt auf die Rückgewinnung der Herzen

Auch wenn Merkel und Obama in Washington das Thema Afghanistan öffentlich mieden – es ist schwer vorstellbar, dass der US-Präsident seiner wichtigsten europäischen Partnerin nichts von der geplanten Großoffensive in der südafghanischen Provinz Helmand gesagt haben sollte. Dieser Vorstoß hat nun begonnen. Die Amerikaner suchen die Wende im bald achtjährigen Krieg. Was am Hindukusch passiert, ist jetzt auf Gedeih und Verderb "Obamas Krieg" (Washington Post).

Für die Afghanistan-Strategen des Präsidenten stellten sich drei Fragen, sagt die stellvertretende US-Verteidigungsministerin Michèle Flournoy: Warum sind unsere Truppen in Afghanistan? Was steht für Amerika und die Welt auf dem Spiel? Was lief bislang gut, aber vor allem: Was ging schief? Ihre – und auch Obamas – Antwort lautet: Sollte sich Amerika vorzeitig aus Afghanistan zurückziehen, würde es den Kampf gegen den Terror verlieren und sich international unglaubwürdig machen. Man müsse schauen, mit welchen vernünftigen Afghanen man in den Provinzen zusammenarbeiten könne, vielleicht auch mit moderaten Taliban. Vor allem aber: Die Truppen dürften nicht als arrogante, distanzierte Besatzer auftreten, sondern müssten sich an die Seite der bislang von Nato-Truppen und korrupten Regierungsmitgliedern enttäuschten Afghanen stellen.