Nach 150 Kilometern wird’s richtig schön. Die gröbsten Berge des Thüringer Waldes und der Rhön liegen bereits hinter den Rennradfahrern, 2200 Höhenmeter sind sie seit dem Morgen hochgekurbelt. Jetzt rollt das Feld in einer disziplinierten Doppelreihe über die Hochrhönstraße, und bei Tempo 35 gerät Erhard aus Köln ins Schwärmen: "Das sieht ja aus wie in der Toskana, nur die Zypressen fehlen." Wiesen ziehen sich über sanfte Hügel, wechseln sich mit Wäldchen ab, der Blick geht weit hinunter ins Land.

"Jetzt ist die letzte Unsicherheit weg, ob ich die Etappe packe", sagt Elmar, der neben ihm fährt, und lächelt, "das Wetter hält, nichts tut weh, und wir haben nur noch 35 Kilometer."

Am vergangenen Samstag sind in Erfurt 100 Radamateure zu ihrer Deutschlandrundfahrt gestartet. In neun Etappen fahren sie 1500 Kilometer durch die Mittelgebirge. Die Strecke lautet: Schwarzwald–Hunsrück–Eifel. Wer am kommenden Sonntag das Ziel in Köln erreicht, hat 20800 Höhenmeter in den Beinen. Die Fahrt ist in jeder Hinsicht fordernd. Auf dem blauen Trikot dieser Tour steht das Motto: "Berge statt Doping".

Der Organisator der Rundfahrt heißt Jan Sahner. Der junge Mann aus Berlin ist 32 Jahre alt, frisch promovierter Informatiker und Geschäftsführer von quaeldich.de. Noch öfter als mit dem Rennrad auf der Straße trifft sich seine Community im Internet und diskutiert dort die Erlebnisse auf den Pässen Europas. Jan Sahner sitzt nicht in einem der Begleitfahrzeuge, er fährt die Tour im Sattel mit. Das Headset seines Handys hat er ans Trikot geclipt, am Helm hat er eine Videokamera montiert, um das Erfahrene zu dokumentieren.

Beim Training, sagt Sahner, werde er manchmal von Passanten angeraunzt: "Ihr seid ja eh alle voll bis oben." Das geht ihm gegen die Radlerehre. Ihn ärgert, dass die Dopingfälle alle Faszination dieser traditionsreichen Sportart überschatten. Sein Anspruch lautet: "Wir Hobbyfahrer holen uns die Deutungshoheit über unseren Sport von den Profis zurück." Die alternative Deutschlandrundfahrt sieht er als Statement: "Der Radsport ist in unserem Land noch lange nicht tot."

Unter den großen Landesrundfahrten der Berufsfahrer bildete die Deutschlandrundfahrt früher die zweite Liga, eine Klasse unter der Tour de France und dem Giro d’Italia. Seit 1911 wurde sie mit Unterbrechungen ausgetragen, und sie war ein Spiegelbild des nationalen Radsports. Als Folge der Jan-Ullrich-Euphorie stand sie von 1999 an wieder im Wettkampfkalender der Profis, nach der quälenden Dopingdiskussion sprangen das Fernsehen und die Sponsoren ab. Im Herbst des vergangenen Jahres gab der Veranstalter auf.

Im Forum von quaeldich.de wurde diese Nachricht ausgiebig diskutiert. Als der 39-jährige Marc Herzig aus Erfurt sich einloggte, stellte er fest: "Zum Thema Doping haben alle schon alles abgelassen." Er wollte aber auch noch etwas beitragen, also machte er den Vorschlag, eine alternative Deutschlandrundfahrt zu organisieren. Ziemlich bald bekam er einen Anruf von Jan Sahner, und dann war Herzig auch schon im Organisationsteam. Dieses besteht aus 15 Freiwilligen. Sie nehmen eine Woche Urlaub, zahlen selbst für Anreise und Übernachtung, lediglich das Rundfahrttrikot bekommen sie umsonst.