Als der Sozialismus unterging und die DDR kapitalistisch wurde, war es ausgerechnet die Gleichheit, die zum Maßstab der Wiedervereinigung erklärt wurde. Das Postulat lautete: Gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West! Seither legt die Politik Jahr um Jahr in selbstquälerischer Manier Zahlen und Statistiken vor, die die Schande belegen, dass es weiterhin ein West-Ost-Gefälle gibt. Und damit man ja nicht auf dem falschen, dem materialistischen Fuß erwischt wird, folgt sogleich die Klage, dass sich die beiden Landesteile auch zwei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch immer seelisch und mentalitätsmäßig nicht angenähert hätten. Die Mauer in den Köpfen, heißt es dann stets im vorwurfsvollen Predigerton, sei eben immer noch nicht überwunden.

Und es stimmt ja: Auch im Jahr 2009 kann man in die Fremde reisen, ohne die deutsche Staatsgrenze überschreiten zu müssen. Aber es wäre an der Zeit, diesen Umstand nicht mehr als Problem oder Defizit wahrzunehmen, sondern als unvergleichlichen Gewinn. Das Ungleiche und Fremde, das mit der Wiedervereinigung aufeinanderstieß, macht den wahren Reichtum dieser geschichtlich einzigartigen Gesellschaftsfusion aus. Wo sonst hat man schon einmal die Chance, die Relativität der eigenen kulturellen Prägungen in ein und derselben Muttersprache vor Augen geführt zu bekommen?

Dass man im offiziellen Polit-Diskurs so auf Gleichheit aus war und sich der Ungleichheit schämte, hatte natürlich einen guten psychologischen Grund: Die Heterogenität zwischen Ost und West war auf den ersten Blick eine asymmetrische. Die eine Seite musste nachsitzen, musste zurück auf "los" und sich der Werteordnung der anderen Seite unterwerfen, die sich ihrerseits bequem als Sieger der Geschichte fühlen durfte, ohne unter den Druck zu geraten, ihre eigene Lebensweise hinterfragen zu müssen.

Psychologisch war das vielfach eine schmerzhaft ungerechte Situation: Menschen von gleicher Intelligenz, Bildung und Erfahrung unterschieden sich eklatant hinsichtlich ihrer Fähigkeiten, die System-Routinen des Alltags zu erfüllen. Es war für die "neuen" Bundesbürger auch ein Anmutsverlust; Wer in DDR – um nur ein elementares Beispiel zu nennen – als souveräner Koch solider Hausmannskost galt, erlag nach dem Mauerfall oft heillos jenen Fertigprodukten der Nahrungsmittelindustrie, die man im Westen zu diesem Zeitpunkt nur noch mit spitzen Fingern anfasste…

Kurz: Im Herzen des vereinten Landes schwelte, was der Philosoph Peter Sloterdijk einen thymotischen Konflikt nennen würde: Es ging um Stolz und Demütigung, um Anerkennung und Blamage, es ging auch um verlorene Ehre. Die einen mussten ihre Biografien infrage stellen, die anderen erhielten "Buschzulage", wenn sie im Wilden Osten westliche Verwaltungsstrukturen aufbauten. Die einen mussten sich "gaucken" lassen, die anderen wurden von Dresden bis Greifswald auf Lehrstühle berufen, obwohl ihr akademisches Karrierefenster im Westen längst geschlossen war. Die einen erhielten Begrüßungsgeld, die anderen zahlten Solidaritätszuschlag.

Diese psychoökonomischen Asymmetrien schlugen sich auch im Habitus nieder und damit in den Rollenbildern, auf die der eine Teil des Landes den jeweils anderen festlegte. In den neunziger Jahren spottete man in den neuen Bundesländern gerne: "Warum machen Ossis nach 12 Jahren Abitur, Wessis erst nach 13? Klar, ein Jahr Schauspielunterricht." Der Wessi galt aus Ostperspektive als glatt, geschmeidig, effekthascherisch, ein Verstellungskünstler, der die Codes kannte, sich cool zu geben wusste und seine Außenwirkung nie aus dem Blick verlor. Während auf der anderen Seite der beste Teil des Ostens, die Bürgerbewegung, vor lauter Vollbärten und linkischer Unbeholfenheit erkennbar noch nicht in der modernen Medienrepublik angekommen war. Mit Ost und West stand eben auch eine Authentizitätskultur einer Inszenierungskultur gegenüber. Die kapitalistische Welt stand für den schlechten Schein, während die materielle Bedürftigkeit im Osten gerne als unverstellte Substanzialität gedeutet und sublimiert wurde. (Die Fälle erfolgreichen Selbstmarketings ostdeutscher Provenienz nach 1989 stellten sich meist nach kurzer Zeit als Stasi-Kollaborateure heraus wie Ibrahim Böhme.)

Der Schriftsteller Andre Kubiczek hat in seinem 2003 erschienenen, sehr komischen Roman mit dem schlagenden Titel Die Guten und die Bösen aus dieser Werte-Opposition sehr viel satirischen Witz geschlagen, indem er mit konsequentem Trotz dem authentischen Verlierer-Osten den erfolgreichen Blender-Westen gegenüberstellte. Es war dies der satirisch-ästhetische Versuch einer Umwertung der Ost-West-Werte: die ökonomischen Verlierer als moralische Gewinner.